Perspektivenwechsel

Perspektivenwechsel (5) – 1. Teil „Gut sehen“ – Sehen als Lernprozess

Nachdem wir uns im vorherigen Artikel dieser Reihe mit dem Erkennen der Symptome des „Schlecht Sehens“ befasst haben, widmen wir uns nun dem logischen Gegenteil – dem  „Gut Sehen“. Um diesem Aspekt ausreichend Raum zu geben, haben wir ihn in zwei Teile gegliedert.

Sehen – mehr als ein physiologischer Akt

Sehen – ein scheinbar selbstverständlicher Akt, der uns tagtäglich begleitet und doch selten hinterfragt wird. Ein Beispiel liefert hierfür die berühmte Fallbeschreibung des englischen Chirurgen William Cheselden[1]: Nachdem er einem von Geburt an blinden Jungen das Augenlicht wiedergegeben hatte, zeigte sich trotzdem schnell, dass funktionierende Augen allein nicht ausreichen, um wirklich sehen zu können. Zwar nahm der Junge Licht und Formen wahr, doch fehlte ihm die Fähigkeit, Dimensionen, Abstände und Proportionen zu erfassen. Die Welt blieb ihm fremd – trotz wiederhergestellter organischer Sehkraft.

Auch spätere medizinische Berichte belegen: Sehen ist weit mehr als ein physiologischer Akt. Es handelt sich um einen Lernprozess, der in den ersten Lebensjahren unbewusst stattfindet und später nur noch schwer nachholbar ist. Erst durch Erfahrung, Wiederholung und Übung entsteht die Fähigkeit, visuelle Eindrücke zu speichern, zu ordnen und zu deuten. Bleibt dieser Lernprozess aus, erscheint die Welt trotz funktionierender Augen verzerrt und bruchstückhaft.

Zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit

Diese Erkenntnis lässt sich unmittelbar auf unser Denken übertragen. „Gut Sehen“ – und damit auch „gut Denken“ – geht weit über die bloße Wahrnehmung hinaus. Es setzt die bewusste Schulung unserer Perspektive voraus. Denn Wahrnehmung ist kein neutraler Vorgang: Wir sind nicht die passiven Empfänger der absoluten Wirklichkeit, sondern gestalten aktiv mit was und wie wir wahrnehmen. Mit anderen Worten: Wie wir sehen, beeinflusst, wie wir die Welt erleben. Wer etwa gelernt hat, sich vor allem auf das Negative zu konzentrieren, erschafft sich unbewusst eine Welt, die von Negativität dominiert ist. Wie stark dieser Effekt uns im Alltag begleiten kann, zeigen die folgenden Beispiele:

  • Zwei Menschen stehen im Stau: Für den einen ist es pure Zeitverschwendung, für den anderen eine willkommene Gelegenheit, um ein Hörbuch zu hören oder die Gedanken in Ruhe schweifen zu lassen. Die Situation mag hier zwar von außen betrachtet identisch sein, jedoch könnten Wahrnehmung und Erleben kaum unterschiedlicher sein.
  • Zwei Mitarbeiter erhalten kritisches Feedback: Während einer darin einen Angriff auf die eigene Kompetenz sieht, erkennt der andere eine Chance, sich weiterzuentwickeln und neue Fähigkeiten zu erwerben.

Solange wir unsere eigene Sichtweise nicht hinterfragen und weiterentwickeln, bleiben wir – ähnlich wie der operierte, blinde Junge – überzeugt davon, dass die Welt sich so darstellt, wie wir sie wahrnehmen, aber nicht unbedingt so wie sie wirklich ist. Dabei merken wir nicht, wie sehr wir in unseren Überzeugungen und Vorurteilen verhaftet sind. Ein Perspektivenwechsel beginnt mit der Einsicht, dass sowohl Sehen als auch Verstehen erlernt werden müssen. Erst dann können wir unsere „mentale Brille“ ablegen, eine neue aufsetzen und die Welt in einem neuen Licht betrachten.

Die schöpferische Kraft des Denkens

Unsere Gedanken haben mehr Einfluss, als wir glauben und besitzen eine erstaunliche Wirkungskraft. Sie beeinflussen nicht nur unsere Stimmung, sondern färben auch die Wirklichkeit, in der wir leben. Wer konsequent ständig das Negative erwartet, schafft unbewusst die Voraussetzung dafür, dass es tatsächlich eintritt. Umgekehrt kann eine positive, zuversichtliche Haltung Türen öffnen und Chancen schaffen. Die folgenden Beispiele verdeutlichen diesen Zusammenhang:

  • Wer vor einem wichtigen Gespräch fest damit rechnet, dass es schlecht verlaufen wird, wirkt oft angespannt und unsicher – und trägt somit unbewusst dazu bei, dass sich diese Erwartung erfüllt. Wer hingegen offen und zuversichtlich in das Gespräch geht, signalisiert Lösungsbereitschaft und kann den Verlauf wie auch das Ergebnis des Gesprächs positiv beeinflussen.
  • In einem Teammeeting werden neue Herausforderungen vorgestellt. Wer pessimistisch eingestellt ist, sieht nur Probleme und Hindernisse und warum das Vorhaben sicherlich scheitern wird. Wer dagegen optimistisch denkt, erkennt darin Chancen für Weiterentwicklung und Innovation, mindestens eine Gelegenheit für neue Erfahrungen.

Ein Morgen, zwei Perspektiven – ein Fallbeispiel

Versuchen wir eine kleine Gedankenübung – eine, die zeigt, wie sehr unsere Gedanken den Alltag formen können.

Stellen wir uns vor, es ist früh am Morgen. Der Himmel ist grau, der Terminkalender voll mit wichtigen, aber eher unangenehmen Besprechungen. Außerdem steht ein Gespräch mit dem Chef an, der einem zuvor etwas zu Unrecht vorgeworfen hat. Insgesamt lässt sich also sagen: Keine allzu berauschende Aussicht für den bevorstehenden Tag. Ein solcher Morgen kann leicht in Pessimismus umschlagen – oder umgekehrt, Anlass für einen bewussten Perspektivenwechsel sein. Denn es liegt an uns/wir entscheiden selbst, ob wir uns von negativen Gedanken leiten lassen oder bewusst nach positiven Ansätzen suchen. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, in welche Richtung der Tag kippt – je nachdem, welche Perspektive wir wählen:

  • Perspektive 1: Ich lasse mich von meinem ersten Impuls mitreißen und male mir den Tag in düsteren Farben/schwarz aus: Wie bereits erwähnt, ist es draußen grau – es wird also sicherlich bald regnen und kalt werden. Die gefürchteten Besprechungen? Die werden zweifellos schlecht verlaufen. Möglicherweise gibt es Ärger, vielleicht/im schlimmsten Fall sogar die Gefahr einer Kündigung. Nebenbei geht gerade eine Magen-Darm-Grippe um. Obendrauf ist der Kaffee zu heiß, und das Spülbecken in der Küche ist schon wieder verstopft. Kurz gesagt: Alles scheint sich gegen mich zu richten/Der Tag scheint von Anfang an gegen mich zu laufen.
  • Perspektive 2: Ich kann den Tag aber auch anders lesen: Vielleicht klart das Wetter später auf – und selbst wenn nicht, der Regen gehört zur Jahreszeit und tut der Natur gut. Die bevorstehenden Besprechungen sind wichtig, und mit guter Vorbereitung kann ich sie souverän angehen. Im Gespräch mit meinem Chef bietet sich vielleicht sogar die Chance, das Missverständnis auszuräumen und mich positiv zu positionieren. Und selbst wenn es schiefgehen sollte: Eine Kündigung wäre nicht das Ende der Welt. Ich bin gesund und meine Familie und Freunde stehen hinter mir, das ist entscheidend. Die Grippewelle hat uns bislang verschont, der Kaffee muss nur kurz abkühlen und um den verstopften Abfluss kann ich mich später kümmern. Vielleicht sogar gemeinsam mit meinem handwerklich geschickten Freund. Auch das ließe sich als Gelegenheit nutzen!

Die Szene mag vielleicht überspitzt wirken, doch das dahinterliegende Prinzip ist klar: Zum größten Teil liegt es an uns selbst, wie wir unseren Tag – und letztendlich die Welt, in der wir leben – gestalten. Wer sich innerlich eine graue, enge Zelle baut, darf sich nicht wundern, wenn er sich eines Tages genau dort wiederfindet. Der Weg dorthin war nämlich ein selbst gewählter. Wer hingegen eine innere Welt des klugen Optimismus, der Möglichkeiten und der offenen Türen pflegt, der schafft Raum für positive Erfahrungen und erkennt Chancen, die sonst verborgen geblieben wären. Gleichzeitig verlieren Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten an Wucht, weil man ihnen nicht ausgeliefert ist, sondern ihnen mit einer anderen Perspektive begegnet.

Entscheidend ist, dass wir eine innere Welt schaffen, die wir aktiv durch unsere eigene Sichtweise gestalten. Im Buch[2] findet sich dazu ein Zitat von Ostad Elahi[3], das dieses Prinzip besonders treffend auf den Punkt bringt und in zwei Sätzen zusammenfasst:

Jeder sieht die Welt um sich herum so, wie es seinem eigenen inneren Zustand entspricht. Alles, was eine Person im Außen wahrnimmt, spiegelt letztlich wider, was in ihrem Inneren vorgeht.[4]

Gedanken als materielle Kraft

Gedanken sind nichts Abstraktes; sie besitzen eine Art „Materialität“, die unser inneres Wesen prägt. Negative Gedanken können wie ein Schleier wirken, der unsere Seele verdunkelt und uns von positiven Einflüssen abschirmt. Eine veränderte Sichtweise – das bewusste „Gut sehen“ – kann unsere Seele hingegen öffnen und mit Energie versorgen. Die folgenden Beispiele verdeutlichen diesen Zusammenhang:

  • Wer sich ständig Sorgen macht, fühlt sich oft erschöpft und antriebslos. Wer hingegen bewusst positive Gedanken pflegt, erlebt den Alltag oft mit mehr Leichtigkeit und frischer Motivation.
  • Gerade in herausfordernden Zeiten kann das bewusste Wahrnehmen kleiner Lichtblicke – ein freundliches Wort, ein schöner Sonnenuntergang, ein gelungenes Gespräch – die eigene Stimmung spürbar heben und neue Kraft schenken. Weitere positive Denkansätze finden sich im Umfrage-Teil unseres Artikels zur Resilienz, in dem wir wirksame mentale Strategien zur Entwicklung und Stärkung von Resilienz vorstellen.

Fazit: Die Verantwortung für die eigene Sichtweise

Zusammenfassend lässt sich also behaupten: „Gut sehen“ ist weit mehr als eine optische Leistung – es ist eine bewusste Entscheidung und eine Aufgabe, die uns ein Leben lang begleitet. Denn, wie in diesem Artikel aufgezeigt, entsteht unsere Wahrnehmung nicht nur im Zusammenspiel von Licht und Linse, sondern vor allem in unserem Inneren. Nicht die äußeren Umstände bestimmen, wie wir die Welt erleben, sondern die Haltung, mit der wir ihr begegnen. Wir sind damit weniger ausgeliefert, als wir oft glauben: Wir sind nicht Opfer der Wirklichkeit, sondern Mitgestalter. Diese Erkenntnis ist befreiend, und verlangt zugleich etwas von uns. Sie fordert, Verantwortung für die eigene Sichtweise zu übernehmen und die innere Perspektive aktiv zu schärfen.

Konkret heißt das:

  • Perspektiven lassen sich trainieren. Der Wandel beginnt im Kleinen – etwa mit der Entscheidung, einen belastenden Tag nicht als Bedrohung, sondern als Chance zur persönlichen Weiterentwicklung zu betrachten.
  • Jeder Perspektivenwechsel setzt Selbstreflexion voraus. Warum sehe ich die Dinge so, wie ich sie sehe? Welche gelernten Denkmuster prägen meine Wahrnehmung? Bin ich bereit, diese Muster zu hinterfragen und gegebenenfalls aufzubrechen?
  • Die Arbeit an der eigenen Sichtweise ist ein aktiver Prozess. Sie verlangt Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, (mentale) Flexibilität und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Ziel ist nicht, Probleme zu verharmlosen oder alles schönzureden, sondern die eigene Position zu ihnen bewusst zu wählen und Herausforderungen als Gestaltungsräume zu erkennen.
  • „Gut sehen“ bedeutet auch, das Gute im Anderen und in schwierigen Situationen erkennen zu können. Wer „gut sieht“, erkennt auch das Gute im Anderen und in schwierigen Situationen. Das fördert Mitgefühl, Verständnis und Offenheit – Eigenschaften, die nicht nur das eigene Leben bereichern, sondern auch das Miteinander in Familie, Beruf und Gesellschaft.

Praktische Konsequenzen für den Alltag:

  • Die eigene „Brille“ erkennen: Wer bewusst innehält und fragt, durch welchen Filter er eine Situation betrachtet, schafft die Voraussetzung für einen klareren, unverzerrten Blick. Entscheidend ist die Frage: „Fokussiere ich mich ausschließlich auf das Negative – oder halte ich den Blick offen für neue Möglichkeiten?“
  • Perspektivenwechsel als Konfliktlöser: Gerade in Auseinandersetzungen kann ein Wechsel der Sichtweise helfen, die Position des Gegenübers nachzuvollziehen. Dieser Perspektivenwechsel fördert nicht nur die eigene Empathie, er ermöglicht es auch, Lösungen zu finden, die beide Seiten mittragen können.
  • Konstruktive Haltung im Beruf: Auch im Arbeitsumfeld kann eine positive, konstruktive, lösungsorientierte Grundhaltung dazu beitragen, Herausforderungen nicht als Bedrohung zu erleben, sondern als berufliche und persönliche Entwicklungschancen zu begreifen.

Abschließend:

Zum Schluss muss jedoch hervorgehoben werden, dass ein Perspektivenwechsel sich nicht in einem einmaligen Akt vollzieht. Vielmehr handelt es sich um einen fortlaufenden, mitunter anspruchsvollen Prozess, der Mut, Selbstkritik und die Bereitschaft verlangt, Verantwortung für das eigene Denken und Fühlen zu übernehmen. Wer sich dieser Aufgabe stellt, erweitert nicht nur seine persönliche Handlungsfreiheit, sondern wirkt auch positiv auf sein Umfeld zurück. „Gut sehen“ wird damit zu einem Schlüssel für persönliche Reife, innere Freiheit und einem gelingenden Miteinander.

Vorausschau auf den 2. Teil

Im 2. Teil zum „Gut Sehen“ richten wir den Blick noch stärker auf die aktive Gestaltung unserer Sichtweise und darauf, wie sich „Gut Sehen“ mit der Suche nach der „richtigen Sichtweise“ vereinbaren lässt.

 

Autoren: Das Ethica Rationalis Redaktionsteam

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[1] William Cheselden (19. Oktober 1688 – 10. April 1752) war ein englischer Chirurg und Lehrer für Anatomie und Chirurgie, der maßgeblich dazu beitrug, die Chirurgie als wissenschaftlichen medizinischen Beruf zu etablieren.

[2]  Shifting Perspectives (Perspektivenwechsel) von Olivier de Brivezac und Emmanuel Comte

[3] Nur Ali Elahi – auch  unter dem Namen Ostad Elahi bekannt –  war ein iranischer spiritueller Denker, Musiker sowie hoher Richter. Er wurde am 11. September 1895 geboren und er verstarb am 19. Oktober 1974.

[4] Ostad Elahi: Asâr ol-Haqq, Band 2, Teheran 1991, S. 169.