Alltagsethik

Menschlichkeit und ethisches Handeln in Zeiten der Corona-Krise, Teil 1

Der Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, sprach am 21. März 2020 vor New Yorker Bürgern mit bewegenden Worten über die sich verschärfende Gesundheitskrise : „Seien Sie liebenswürdig, seien Sie mitfühlend zu anderen…!“ In einem Podcast mit der New York Times sagt er: „Es geht nicht um Sie, es geht um uns. Es geht um das Kollektiv, die Gesellschaft. … Retten Sie so viele Leben wie möglich… Seien Sie verantwortungsvoll, handeln Sie wie ein guter Bürger, seien Sie rücksichtsvoll.“ Und auch Angela Merkel sagte in ihrer Ansprache an die Nation am 18. März 2020: „Alle staatlichen Maßnahmen gingen ins Leere, wenn wir nicht das wirksamste Mittel gegen die zu schnelle Ausbreitung des Virus einsetzen würden: Und das sind wir selbst. So wie unterschiedslos jeder von uns von dem Virus betroffen sein kann, so muss jetzt auch jede und jeder helfen. Zu allererst, indem wir ernst nehmen, worum es heute geht. Nicht in Panik verfallen, aber auch nicht einen Moment denken, auf ihn oder sie komme es doch nicht wirklich an. Niemand ist verzichtbar. Alle zählen, es braucht unser aller Anstrengung.“

Beide Politiker sprechen damit auf die Goldene Regel an, die Basis jedweden ethischen Handelns; verkürzt dargestellt besagt diese Regel: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.“ Wir möchten Ihnen mit diesem Beitrag einige Inspirationen geben, was jeder Einzelne in der augenblicklichen Situation der fast weltweit verhängten Ausgangsbeschränkungen (oder sogar -sperren) tun kann, um sich in Menschlichkeit zu üben. Gerade diese Ausnahmezeit, die geprägt ist von kollektiven und individuellen Ängsten, die uns lähmen, in Schockstarre versetzen oder sogar mutlos werden lassen, bietet eine hervorragende Gelegenheit, aktiv diese mentalen Fesseln aus Ängsten, Druck oder Hoffnungslosigkeit mit praktizierter Menschlichkeit zu sprengen. Möglicherweise verbessert sich dadurch meine persönliche Situation nicht (ich bin immer noch arbeitslos), aber ich trage dazu bei, die Situation meiner Mitmenschen zu verbessern – und das wiederum hat einen positiven Effekt auf mich selbst.

Menschlichkeit in den Zeiten der Corona-Krise setzt voraus, sich an die Stelle des Anderen zu versetzen. „Der Andere“ ist dabei sowohl mein Partner als auch der Nachbar oder ein weit entfernter Onkel. „Die Andere“ ist dabei sowohl meine Zeitungsausträgerin, die Kassiererin an der Tankstelle als auch die Reinigungskraft im Krankenhaus. „Die Anderen“ sind all jene, die jetzt verängstigt, krank, isoliert oder gar in existentiellen Schwierigkeiten sind. Es sind also ganz konkrete Personen, die jetzt unsere Hilfe brauchen, und denen wir durch konkrete Handlungen unter die Arme greifen können:

  • Die allgemein gültigen Regeln und Empfehlungen (Abstand halten, Händewaschen…) aufs Genaueste beachten, um Passanten, Kollegen, Familienmitglieder und mich selbst zu schützen. Das ist an sich ein Dienst an der Gesellschaft.
  • Mich um meine Familienmitglieder kümmern, denn gerade in der Quarantäne gibt es viele Gelegenheiten, einander beizustehen, einander zu helfen, einander zu trösten – oder gemeinsam an die frische Luft zu gehen („Lob dem Spaziergang“!), am besten dann, wenn man ‚dringend Luft ablassen muss‘.
  • Eine Person, die zur Risikogruppe gehört und deswegen zuhause bleiben muss, anrufen und fragen, wie es ihr geht, oder mit einer Freundin telefonieren, deren Mann erkrankt ist und die voller Bangen auf das Testergebnis wartet.
  • Für einen älteren Mitbewohner in der Hausgemeinschaft Einkäufe erledigen oder fragen, ob man etwas aus der Apotheke mitbringen soll (und sich selbst dabei bestmöglich schützen).
  • Auf die Balkone gehen und den Fachkräften in der Gesundheitsversorgung Beifall klatschen, wie es die Menschen in Italien, in Spanien und in Deutschland vielfach tun.
  • Einer Organisation eine Spende zukommen lassen, die sich um Bedürftige kümmert, oder jemandem helfen, der gerade in Not ist.
  • Augen und Ohren offenhalten, ob es jemanden im Umfeld gibt, der Hilfe braucht… beim Ausfüllen des Antrags auf Arbeitslosengeld, bei der Verhandlung mit dem Vermieter, bei den Hausaufgaben… wer kommt gerade alleine nicht weiter?

Entscheidend ist unsere gedankliche Haltung: In der Psychologie spricht man von „internaler Kontrolle“ (Rotter, 1966): Der Betreffende weiß, er hat die Dinge in der Hand, er kann etwas unternehmen, um seinen Zustand zu verändern oder zu verbessern. In der aktuellen Situation kann jeder von uns einen Beitrag leisten. Eine Eventmanagerin, die keine Events mehr organisieren kann, weil alle Messen abgeblasen wurden, springt jetzt bei der ‚Tafel‘ als ehrenamtliche Helferin ein: „So kann ich wenigstens etwas tun und sitze nicht nur zuhause rum.“ Diese Krise ist ein Charaktertest… die dem Menschen innewohnenden Eigenschaften treten nun zutage.

Autor: Das Redaktionsteam

 

 

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