Wirtschaftsethik

Auswertung: Fallstudie zur praktischen Ethik – Ein ‚Geschenk‘ für Kinder?

Nachdem die Sommerpause vorbei ist, wollen wir Ihnen natürlich nicht als ersten Beitrag nach der Sommerpause die Auswertung der letzten Fallstudie vorenthalten.

Sie erinnern sich: Katharina steckte nach dem Eingang der Großspende der Berger Bau in einer Zwickmühle. Sie fragte sich: soll ich die Spende annehmen, wohl wissend, dass zumindest ein Teil des Geldes unrechtmäßig erwirtschaftet wurde? Oder sollte ich das Wohl der Kinder und die Kontinuität ihrer Betreuung durch Anne, die eben erst durch diese Spende möglich wird, in den Vordergrund stellen und meine Bedenken ob der Rechtmäßigkeit – sei es rechtlich oder auch nur moralisch – hinten anstellen?

Hier noch einmal die möglichen Antworten:

Tatsächlich war es so, dass kein Teilnehmer die Frage g) gewählt hat. Der Gedanke sich vielleicht später einmal moralisch rechtfertigen zu müssen für etwas und nur aus diesem Grund die Spende nicht anzunehmen, fand kein Teilnehmer einen annehmbaren Gedankengang. Allein der Umstand später einmal an den Pranger gestellt werden zu können, scheint nicht ausreichend zu sein, um allein aus diesem Grund diese schon mehr als zweifelhafte Spende nicht anzunehmen. Man würde ja nur um dieser möglichen Konsequenz zu entgehen (Pranger) so handeln (Nichtannahme). Solch ein Denken würde auch die Anwendung ethischer Grundsätze außen vor lassen.

Die Fragen a) und f) haben immerhin schon 8 % der Teilnehmer als für sie akzeptable Auflösung des ethischen Dilemmas anerkannt. Bei der Frage f) denkt man sich die Berger Bau bereue ihr verhalten, wolle sich ändern und die Spendenzahlung sei ein erster Schritt in eine ethischere Zukunft und sagt sich, dass man die Spende auf Grund dieses Versuchs der „Wiedergutmachung“ der Berger Bau eine Chance geben sollte. Bei der Frage a) hingegen nimmt man der Berger Bau genau diesen ernsthaften, aufrichtigen Versuch der „Wiedergutmachung“ eben nicht ab, sieht die Spende eher als reine, nicht aufrichtige Spende aus PR-Gründen, ohne den echten Wunsch der Veränderung hin zu einem ethischeren Verhalten in der Zukunft und lehnt daher die Spende ab.

8 % haben sich auch für Frage c) entschieden und ließen es ausreichen, dass man die Spende annimmt, aber dies gleich auch öffentlich macht indem man seine Entscheidung zur örtlichen Presse gibt und so für Transparenz hinsichtlich der Herkunft der Spendengelder sorgt. Ethische Erwägungen in Zusammenhang mit der Herkunft des Geldes scheinen bei dem Entscheidungsprozess „Annahme oder Verweigerung“ keine Rolle zu spielen.

Für die Frage b) haben sich immerhin schon 23 % entschieden. Diese Teilnehmer legen den Fokus auf das „Gute“, dass mit der Spende gemacht werden kann, egal woher das Geld kommt – nach dem Motto: Geld stinkt nicht. Die Tatsache, dass das Geld aus offensichtlich ethisch fragwürdigen Geschäftspraktiken des Spenders stammt, wird ausgeblendet und nur auf die ethisch wertvolle Verwendung der Spende geschaut. Sozusagen: Das Gute verdrängt das Schlechte. 

Für Frage e) haben sich auch 23 % der Teilnehmer entschieden. Man nimmt die Spende an, aber unter der Bedingung, dass die Berger Bau ihre sog. Compliance Policies, also den firmeneigenen rechtlichen und ethischen Rahmen im Umgang mit Geschäftspartnern nicht nur ändert, sondern vor allem auch so implementiert, dass es zu solchen mehr als fragwürdigen Geschäftspraktiken nicht mehr kommen wird. Unabhängig von der Frage, wie Katharina eine solche Änderung in der Praxis nachvollziehbar und durchsetzbar machen könnte, sieht man in dieser Antwort zur Lösung des Dilemmas, dass ethische Erwägungen mit eine Rolle gespielt haben. Man will nicht als Feigenblatt missbraucht werden, sondern besteht auf eine Änderung im Verhaltenskodex der Berger Bau als Nachweis eines aufrichtigen Wunsches der Berger Bau sich in Zukunft zu ändern.

Am meisten haben sich für die Frage d) entschieden: 31 %. Hier nimmt Katharina die Spende an und macht die Spende der Berger Bau transparent, um damit zu dokumentieren, dass man nichts zu verbergen hat und zu der Annahme der Spende steht, obwohl die Herkunft des Geldes fragwürdiger Natur ist. Im Gleichen Atemzug distanziert sie sich aber auch von der Berger Bau, in dem sie diesem Umstand der fragwürdigen Herkunft als bekannt benennt und so deutlich macht, dass man die Spende dennoch annehmen und für ethisch wertvolle Zwecke verwenden werde, da der Zweck für die Entscheidung in diesem konkreten Fall entscheidend ist und nicht die Herkunft der Mittel.

Ein Teilnehmer hatte auch noch eine weitere Idee, wie man zu einer Entscheidung gelangen kann, die von einer Mehrheit als Lösung für dieses Dilemma angesehen werden kann – man macht das Dilemma einem öffentlichen Diskurs und einer „Annahme: Ja/Nein“-Wahl zugänglich und stellt so die Entscheidung transparent auf demokratische Beine. Die „moralische Last“ der Entscheidung verteilt sich auf diese Weise auf alle die an dem demokratischen Prozess teilnehmen.

Wir möchten noch einmal betonen, dass es bei den möglichen Antworten nicht um richtig und falsch geht. Jeder Mensch hat seinen eigenen moralischen und ethischen Kompass dem er folgt – sein „Gewissen“, dem er sich jeden Tag auf’s Neue stellen muss. Die Fallstudien dienen aber dem Abgleich seines Gewissens mit dem Gewissen anderer zu dem gegebenen Thema und vor allem dem Kennenlernen des eigenen Gewissens und dessen Justierung in dem man sich mit möglichen Lösungen eines konkreten Dilemmas beschäftigt. Man kommt dabei nicht umhin sich mit sich selbst zu beschäftigen, seinen Gedankengängen und den inneren, psychischen Kräften, die diese Gedankengänge hervorbringen. Man kommt dabei nicht umhin sich und seine Gedankengänge und für sich richtig erachtete Lösung des Dilemmas zu hinterfragen, eventuell „nach zu justieren“ und so an seiner Menschlichkeit zu arbeiten. 

Wer Menschlichkeit in sich entwickeln möchte, wird nicht umhin können sich mit sich selbst zu beschäftigen und wird erst einmal anfangen müssen sich selbst kennen zu lernen. Die Fallstudien sollen dabei helfen.

 

Das Ethica Redaktionsteam