Wirtschaftsethik

Ethisches Handeln im Beruf – Ergebnisse zur Umfrage „Geste der Versöhnung“ (Teil 1)

Gerade im beruflichen Umfeld kommen Menschen häufig in Konfliktsituationen, die ausweglos scheinen. Mit unserer Serie von Dilemma-Fällen wollen wir zeigen, dass es manchmal doch eine Lösung gibt. An der Umfrage „Geste der Versöhnung“ haben knapp 60 Personen teilgenommen – hier die wichtigsten Ergebnisse und Kommentare dazu, doch vorher kurz und knapp die Situation: 

Konrad wird in einer Besprechung von einer Führungskraft heftig attackiert. Als das Meeting zu Ende ist, kommt die Geschäftsführerin Frau G auf Konrad zu und sagt: „Ok, ich habe Sie ziemlich beschimpft, aber hassen Sie mich bitte nicht!“ und streckt ihm die Hand in einer Geste der Versöhnung entgegen. Wie soll Konrad reagieren?

Das Voting zeigt ein überaus deutliches Ergebnis: Über die Hälfte entscheidet sich dafür, die ausgestreckte Hand zu ergreifen, aber die Dame im selben Atemzug um einen Gesprächstermin zu bitten. Die Hand zu ergreifen gilt ein Akt des Entgegenkommens und wird offensichtlich eher präferiert als ein Verhalten, das man als defensiv oder unterwürfig bezeichnen könnte. Denn „Ignorieren“ oder so zu tun, als sei nichts geschehen, das befürwortet nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz (unter 5%). Ein Gespräch mit dem direkten Vorgesetzten wird erstaunlicherweise ebenfalls weniger gesucht, möglicherweise liegt es an der Formulierung („die Hand ignorieren und später einen Folgetermin vereinbaren“), denn man könnte meinen, dass der Chef von Konrad eine Verletzung seiner Fürsorgepflicht begangen hat. Jedenfalls lautete so das Urteil der Teilnehmer der Masterclass zur Dialogethik, die im November 2017 stattfand [1]: In der Fallstudie würden Werte angesprochen, die offensichtlich in der Kultur dieser Gruppe eine sehr untergeordnete Rolle spielen, ja sogar gänzlich fehlen: Loyalität, Solidarität, Vertrauen.

Dialog als Königsweg

Auch wenn die Situation durchaus als Dilemma erkannt wird (Konrad ist abhängig von der Geschäftsführerin), so gilt der Dialog doch für die meisten als Königsweg. Das kann zum einen sein, in der Situation die Gegenfrage zu stellen: „Wie meinen Sie das?“ Das kann aber auch sein, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, in der Art: „Sie können mir alles sagen, aber bitte in angemessener Form und auf sachlicher Ebene.“ So trägt man durch das eigene Verhalten dazu bei, eine Kultur des Miteinanders zu etablieren und die oben genannten Werte durch das eigene Vorbild lebendig werden zu lassen.

Etwa ein Viertel der Umfrageteilnehmer fühlt sich indes bei keiner der genannten Alternativen gut aufgehoben, daher haben wir gefragt, welche anderen Optionen sonst noch vorstellbar gewesen wären. Die Teilnehmer der Masterclass befürworteten den Einbezug von Kollegen und Vorgesetzten – diese hätten in die Pflicht genommen werden sollen, zum Beispiel, indem Konrad sie aktiv anspricht. Es wurde als bedauerlich empfunden, dass niemand aus der offensichtlich gut besetzten Gesprächsrunde von sich aus den Mut gefunden habe, Konrad zu verteidigen. Schon wenige andere Teilnehmer und Beobachter hätten durch ihr Eingreifen den Gesprächsverlauf positiv beeinflussen können – das weiß man aus der Minoritätenforschung.

Konrad selbst hätte – wenn er sehr geistesgegenwärtig ist – sich auf die Bitte der Geschäftsführerin hin seinem Team zuwenden können mit den Worten: „Einen Moment bitte noch, Frau G will noch etwas sagen!“ – und sie dann öffentlich die Entschuldigung vortragen lassen. Ist man weniger geistesgegenwärtig, hilft nur ‚Durchatmen‘ und sich auf irgendeine Weise Zeit zu verschaffen, so dass man zumindest in der Lage ist, den durch die Attacke ausgelösten Flucht- oder Kampfreflex zu unterbinden. So oder so: ein schwieriger ethischer Konflikt, den einer der Masterclass-Diskutanden sichtlich betroffen mit einem beherzten „Was soll denn das? ‚Hassen Sie mich bitte nicht!‘ zu sagen? Das geht gar nicht!“ kommentierte. 

Lesen Sie in Kürze Teil 2!

Autor: Das Redaktionsteam

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[1] Die Teilnehmer der Masterclass hatten im Vorfeld zum Workshop die Umfrage zugesandt bekommen; sie bilden somit eine Teilgruppe der Stichprobe.