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Rückschau zum PhiloBrunch mit Prof. Johannes Lindner – Entrepreneurship in Zeiten von KI

 

Am Samstag, den 20. Juni 2026, fand im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft in München ein sehr gedankenreicher PhiloBrunch statt – hier eine kurze Rückschau. Das Thema war eine sehr aktuelle Frage: Was bedeutet Entrepreneurship – unternehmerisches Denken und Handeln – in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt?

Der Gast – Prof. Johannes Lindner

Prof. Johannes Lindner ist einer der bekanntesten Entrepreneurship-Pädagogen im deutschsprachigen Raum – und einer, der es ernst meint. Im Jahr 2000 gründete er in Wien die IFTE – Initiative for Teaching Entrepreneurship, mit einer einfachen, aber radikalen These: Wer Jugendliche zu Unternehmern ausbildet, bildet zugleich Menschen.

Heute ist er Bundeskoordinator für Entrepreneurship Education im österreichischen Bildungsministerium, lehrt an der KPH Wien/Niederösterreich sowie an der Universität Wien und ist UNIDO Senior Expert für Entrepreneurship Education. Als erster Ashoka Fellow Österreichs steht er dafür, dass er sozialen Wandel nicht nur bespricht, sondern betreibt. Was ihn aus Sicht von Ethica Rationalis besonders interessant macht: Prof. Lindner denkt Entrepreneurship konsequent ethisch. Für ihn ist Entrepreneurship Education nicht in erster Linie die Anleitung zum Geldverdienen, sondern eben auch zur Charakterbildung.

Der Impulsvortrag – „Die Zukunft mitgestalten“

Im Mittelpunkt des Vormittags stand der Impulsvortrag von Prof. Lindner. Sein Ausgangspunkt war eine wohltuend einfache Definition: Entrepreneure sind Menschen, die neue Ideen mit Wert umsetzen.

Entrepreneurship ist damit gerade nicht auf die Unternehmensgründung beschränkt, sondern eine Haltung, die in allen Bereichen der Gesellschaft gebraucht wird – in Kunst und Sport ebenso wie in Wirtschaft und öffentlichem Dienst. Prof. Lindner versteht Entrepreneurship als Prozess, Methode und Haltung zugleich: eigene Potenziale kennenlernen, Gelegenheiten erkennen, Ideen mit Wert entwickeln, kontrolliert mit Risiken umgehen, mit Ressourcen haushalten und Ideen schließlich umsetzen.

Theoretisch stützte er sich auf das TRIO-Modell der Entrepreneurship Education (Aff & Lindner 2005), das drei Dimensionen verbindet: die Core Entrepreneurial Education (eigene innovative Ideen entwickeln und strukturiert umsetzen), die Entrepreneurial Culture (eine Kultur der Selbstständigkeit, Offenheit, Empathie und Nachhaltigkeit, im Sinne der positiven Psychologie von PERMA.teach) und – für uns besonders zentral – die Entrepreneurial Civic Education: die Stärkung einer Kultur der Mündigkeit, Solidarität und Verantwortung für gesellschaftliche Herausforderungen. Entrepreneurship ist also ausdrücklich auch Verantwortungsbildung.

Warum das gerade heute zählt, machte Prof. Lindner an mehreren Beispielen deutlich. Persönlich gehe es um Selbstwirksamkeit und ein „Growth Mindset“ (Carol Dweck), das Fehler als Chance begreift. Wirtschaftlich habe sich das Leitbild gewandelt: vom ehrbaren Handwerker des 19. und dem technischen Experten des 20. Jahrhunderts hin zum „Self Entrepreneur“ des 21. Jahrhunderts – dem kreativen Denker und Innovator, der Probleme löst und Entscheidungen trifft. Und gesellschaftlich brauche es „Changemaker“, die mit ihren Ideen Wert schaffen – nicht nur wirtschaftlichen, sondern gerade auch sozialen, ökologischen und gemeinwohlorientierten Wert and damit ethische Werte.

Den Bogen zur Künstlichen Intelligenz schlug Prof. Lindner mit einer unbequemen Pointe: Gerade weil KI-Routineaufgaben übernimmt und ganze Strukturen überflüssig macht – besonders in den klassischen Einstiegs- und Junior-Positionen –, ist unternehmerisches Denken nicht eine Option, sondern eine Grundkompetenz. Die entscheidende Frage sei, welche Tugenden erfolgreicher Unternehmer zeitlos bleiben und sich gerade nicht an eine KI delegieren lassen: Urteilskraft, Verantwortung, Integrität und Authentizität. Entrepreneurship Education, so sein Plädoyer, ist nicht neutral – sie prägt Zukunft, und jede Generation muss neu entscheiden, welche Werte sie dabei leiten sollen.

Der Ablauf des PhiloBrunch

Wie immer gab es natürlich einen gemütlichen Brunch und viel Raum für Gespräche mit unserem Gast und untereinander. Inhaltlich war der Vormittag in drei Teile gegliedert:

  1. Vortrag mit Fragerunde
  2. Intensive Diskussion
  3. Die Fallstudie; Besprechung und Feedback Runde

 

Die Fallstudie – „Der wegrationalisierte Berufseinstieg“ –, wird in einem eigenen Begleitbeitrag aufbereitet: „Der wegrationalisierte Berufseinstieg – eine Fallstudie zur angewandten Ethik (Junge Akademiker & KI)“. Dort zeigen wir, welche Handlungsoptionen zur Wahl standen, und wir laden Sie ein dort für sich selbst zu entscheiden welche Lösung sich für Sie richtig anfühlt. Nach Ihrer getroffenen Auswahl (Mehrfachwahl ist möglich) können Sie Ihre Auswahl mit der anderer Teilnehmer vergleichen.

Was die Teilnehmenden mitgenommen haben

Eine Auswahl der Stimmen der Teilnehmer aus der Feedback Runde:

  • „Entrepreneurship ist nicht bloße Ausführung – es geht um Gestalten und um Projekte.“
  • „Entrepreneurship ist eine Einstellungssache.“
  • „KI: Chancen suchen, aber Risiken ernst nehmen.“
  • „Es gibt keinen Stillstand – je eher man anfängt, desto besser, und vor allem: learning by doing.“
  • „Den Generationendialog fördern und fordern – Angst nehmen und KI auch an die ältere Generation herantragen.“
  • „Selber aktiver werden und das eigene Umfeld unterstützen.“
  • „(Social) Entrepreneurship schon in der Schule – unternehmerisches Denken und Handeln so früh wie möglich fördern und auch in der Familie leben.“
  • „Die Dinge lassen sich nicht so verallgemeinern – man muss schon genauer hinschauen.“
  • „Eine inspirierende Debattenkultur und ein optimistischer Blick in die Zukunft – eine große Bereicherung, ein Win-Win.“

Das ist das Ziel des PhiloBrunch: einander zuhören, Tatsachen präsentiert bekommen, Meinungen austauschen, voneinander lernen – und mit einer Fülle an neuen Gedanken und Impulsen nach Hause gehen. Wir danken Prof. Johannes Lindner herzlich für seinen Impuls und allen Teilnehmenden für den sehr offenen Austausch.

Eindrücke von dem PhiloBrunch können Sie sich gerne hier in der Bilder-Mediathek machen. 

Autoren: Das PhiloBrunch Organisationsteam von Ethica Rationalis