Wirtschaftsethik

Fallstudien zur praktischen Ethik: Arbeitgeberwechsel mit Überraschung – was würden Sie tun?

Bitte lesen Sie den nachfolgenden Text, der Gerhards ethisches Dilemma beschreibt und entscheiden dann, wie Sie die Situation lösen würden.

Bitte beachten Sie, dass es nicht darum geht, die ‚richtige‘ oder ‚falsche‘ Antwort anzukreuzen. Die Wirklichkeit ist viel zu komplex, als dass sie auf richtig und falsch reduziert werden könnte. Auch wenn der Bericht auf wahren Begebenheiten beruhen mag, so ist diese Übung doch rein virtueller Art. Diese Umfrage dient dazu, die eigene Auseinandersetzung mit dem präsentierten Dilemma zu fördern und sich so seiner eigenen Beweggründe und Lösungsansätze bewusster zu werden.

Ein ethisches Dilemma … – was würden Sie tun?

Gerhard ist Jurist und als Compliance Officer dafür verantwortlich, dass sich ein Unternehmen an das Gesetz und an die eigenen ethischen Grundsätze hält.

Er wollte sich beruflich weiterentwickeln und tritt eine neue Stelle bei einem neuen Arbeitgeber an.. Das Gehalt stimmt, er hat Personalverantwortung für ein Team von 12 Angestellten, er berichtet direkt an den Rechtsvorstand und er hat die Verantwortung für das gesamte Compliance Management des Unternehmens.

Nach den ersten Monaten im neuen Job hat er schon sehr gute Kontakte innerhalb des neuen Arbeitgebers geknüpft. Hat ein kooperatives Verhältnis mit seinem Team etabliert, er arbeitet gut mit seinen Kollegen auf gleicher Ebene und auch mit den Vorstandmitgliedern zusammen. Er fühlt sich rundum wohl in seiner neuen Stelle.

Plötzlich sieht er sich mit aktuellen Finanzberichten konfrontiert, die an alle Investoren und die Aufsichtsbehörden gehen, die die aktuelle finanzielle Situation extrem beschönigen, also nicht korrekt wiedergeben. Als er den Rechtsvorstand darauf anspricht, gibt der sich ahnungslos und meint nur: „Ihre Vorgängerin hatte diese Berichte immer ohne „rumzicken“ akzeptiert und als korrekt bestätigt. Haben sie sich nicht so, sie wollen doch die Probezeit bestehen. Das Thema ist doch so komplex und bei dem Bericht geht es doch nur um eine „Einschätzung“.“

Gerhard fühlt sich sofort unwohl, denn er hat hier ein massives Compliance Thema entdeckt und er hat Verantwortung in der Situation. Er muss nun entscheiden wie er hier weiterverfahren wird. Der gesamte Vorstand übt immer größeren Druck auf ihn aus den Bericht endlich frei zu geben und will von seinen Vorbehalten nichts wissen – weißt diese gar als geschäftsschädigend zurück.

Folgende Gedanken gehen ihm durch den Kopf:

  • Was mache ich nur. Wenn ich den Bericht freigebe und es aufkommt, dass ich wusste, dass er nicht korrekt ist. Dann verliere ich nicht nur meinen Arbeitsplatz, sondern muss eventuell sogar rechtliche Konsequenzen fürchten.
  • Ich habe doch so viele finanzielle Verpflichtungen. Arbeitslos zu werden nach so kurzer Zeit kann ich mir einfach nicht leisten! Mein Lebenslauf wird total zerstört sein. Wie soll ich das einem neuen Arbeitgeber erklären?
  • Die Fehler in dem Bericht sind doch nicht so groß und beruhen zum großen Teil auf Einschätzungen – es stimmt doch was der Vorstand sagt. Außerdem hat meine Vorgängerin die Berichte auch immer akzeptiert – offensichtlich ohne schlechtes Gewissen. Vielleicht übertreibe ich tatsächlich. Ich prüfe lieber nochmal mal, ob ich eine Rechtfertigung finde.
  • Ich muss handeln und diesen Bericht offiziell als inkorrekt zurückweisen, das ist mein Job. Ich bin doch kein Betrüger. Die Zahlen sind einfach nicht korrekt und unsere Investoren vertrauen auf die Korrektheit. Die Konsequenzen muss ich aushalten, auch wenn ich in der Probezeit ohne Kündigungsgrund gekündigt werde. Ich will weiterhin in den Spiegel schauen können.

Wie beurteilen Sie den inneren Dialog von Gerhard und das innere Ringen mit seinem Gewissen? Sie sind jetzt Gerhard – was machen Sie?

Was würden Sie tun?

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