Im ersten Teil zum „Gut Sehen“ haben wir herausgearbeitet, dass Sehen weit mehr sein kann als ein physiologischer Vorgang: Es ist ein Lernprozess. Wer nie gelernt hat, Abstände und Proportionen zu deuten, nimmt auch mit gesunden Augen eine verzerrte Welt wahr – und wer nie gelernt hat, seine eigenen Denkmuster zu hinterfragen, wird wahrscheinlich ebenfalls einen verzerrten Blick auf die Welt haben. Wir sind, so war das Fazit der Überlegungen, unserer Umgebung weniger ausgeliefert, als wir glauben: wir sind nicht die Opfer der Wirklichkeit, sondern durchaus Mitgestalter – zumindest davon, wie wir unsere Wirklichkeit wahrnehmen und bewerten!
Heißt aber „Gut Sehen“ nicht einfach, sich die Dinge schönzureden? Manchmal ist ein Kollege tatsächlich unhöflich, manchmal wirkt eine Situation wirklich ungerecht. In diesem zweiten Teil widmen wir uns genau dieser Frage: Wie lässt sich „das Gute sehen“ mit dem „richtig sehen“ vereinbaren?
Unsere Sichtweise auf die Dinge ist der Schlüssel zu unserem Seelenfrieden
Wir nehmen häufig an, der Hauptverantwortliche für unsere Sorgen läge außerhalb von uns – der Chef, der es auf mich abgesehen hat; der Ärger, der mir ständig widerfährt. Daher bleibt jede Bemühung, uns zu beruhigen oder die Dinge positiv zu nehmen, ein bloßer Notbehelf. Sie mildert Symptome, heilt aber nicht die Ursache. Ein Ansatz, der Dinge für uns leichter machen kann und der in unserem Einflussbereich liegt, ist an unserer Wahrnehmung und Deutung von unangenehmen Ereignissen zu arbeiten.
Als Beispiel: Ein Kollege behandelt mich unhöflich. Beim ersten Mal kränkt mich dieses Verhalten. Geschieht es ein zweites und drittes Mal, entwickle ich eine Abneigung und trage die Kränkung weiter in mir – und jede weitere Begegnung ist von vornherein belastet. Bei nüchterner Betrachtung steht mir jedoch ein Mensch gegenüber, den ich kaum kenne und dem ich sofort negative Motive unterstelle. Meine Reaktion – die Wahrnehmung einer Beleidigung und der Schmerz, Unmut, Ärger darüber – ist vollständig bestimmt durch den Filter, mit dem ich die Situation entschlüssele: durch meine Vorurteile, durch die Persönlichkeit, die ich ihm instinktiv zuschreibe, durch meine Befürchtungen und Erwartungen. Genau an diesem Filter, der die ganze Situation einfärbt, lässt sich ansetzen.
Was bedeutet „Gut Sehen“?
„Gut Sehen“ ist in erster Linie eine Arbeit an uns selbst, an den eigenen Gedanken. Es bedeutet zunächst schlicht: die Dinge im positiven Licht sehen. Positivierung heißt, aktiv zu versuchen, eine Perspektive einzunehmen, die den Blick auf das Positive und Nützliche lenkt. Wer „Gut- Sehen“ praktiziert, schafft es, ein halb gefülltes Glas als halb voll zu betrachten und nicht als halb leer. Es ist ein konstruktiver Ansatz in Situationen, die unreguliert sehr destruktiv (mir selbst oder anderen gegenüber) sein könnten.
Dass sich dafür schon in den kleinsten Dingen ein Beweis findet, zeigt ein Beispiel aus dem dieser Artikelreihe zugrundeliegenden Buch im Kapitel 2.8[1]. F. erzählt:
Es ist vier Uhr, ich mache eine Pause, ich gehe zum Kaffeeautomaten, ich werfe einen Euro ein, der Automat verschluckt ihn, ohne Kaffee auszugeben. Ich drücke auf den ‚Rückgabe’-Knopf, ohne Ergebnis. Ich schlage mit der Faust an die Maschine, um die Blockierung zu lösen, doch nichts geschieht. Ich bin um einen Euro erleichtert. Anstatt mich aufzuregen, zu fluchen, mich von Gefühlen wie Frustration, Bestohlenwerden und Demütigung hinwegtragen zu lassen, und anstatt meiner Wut durch immer stärkeres Schlagen Ausdruck zu verleihen, sage ich ganz ruhig zu mir: ‚Was habe ich im Grunde verloren? Nicht mehr als das, was ich so oder so in die Maschine gesteckt hätte, um im Austausch dafür einen Kaffee zu bekommen. Das Einzige, das ich nicht habe, ist der Kaffee, für den ich diesen Betrag sowieso gezahlt hätte.’ Das hat sofort das Bedürfnis verringert, die Zeit mit einem Getränk zu überbrücken. Aber nach kurzem Nachdenken blieb ich nicht da stehen, bei diesem Kaffee (der im Übrigen nichts Besonderes ist, eigentlich sollte man sowieso nur wirklich guten Kaffee trinken). Wie ich also darüber nachdachte, sagte ich mir, dass es sogar noch besser ist als das: Ich hatte schon morgens einen Kaffee getrunken und einen zweiten nach dem Mittagessen. Es wäre also auf alle Fälle zu viel gewesen, hätte meiner Gesundheit geschadet. Im Grunde hat man mich mit dem minimalen Betrag von einem Euro davor bewahrt, eine Überdosis Koffein zu mir zu nehmen, nervös zu werden, Herzflattern zu bekommen usw. Ich nahm es als Signal, keinen Missbrauch zu betreiben, nicht automatisch zum Kaffee zu greifen, einfach, weil gerade Pause ist und ich mich in der Nähe des Getränkeautomaten befand. Und tatsächlich, ich war nun fast zufrieden mit dem, was passiert war, und ging lächelnd zurück in mein Büro.
Nun kann es aber passieren, dass das ‚Glas wirklich völlig leer ist‘ und unsere Schwierigkeiten solche Dimensionen annehmen, dass sich darin beim besten Willen nichts unmittelbar Positives finden lässt. Geht es dann darum, „Gut-Sehen“ zu simulieren, sich blind zu stellen und ein fiktives Universum zu erschaffen, in dem alles ‚rosig ist‘ und zum Lächeln einlädt? Im Gegenteil: Sich lediglich einzureden, „alles ist gut“, ist ein vorübergehendes Beruhigungsmittel, weil es nicht an der Wurzel des Problems ansetzt. „Gut-Sehen“ heißt nicht, sich am Sehen zu hindern.
In dieser Tugend verbergen sich daher zwei Aspekte:
- das Gute sehen – eine wohlwollende und zugleich optimistische Sicht auf andere Menschen und auf die Situationen, in denen wir uns befinden;
- eine richtige Sichtweise einnehmen – die Wahrheit der Dinge erkennen, die tatsächlichen Qualitäten der Menschen, mit denen wir zu tun haben, die Natur unserer Erwartungen sowie unsere Rechte und Pflichten in der jeweiligen Situation.
Gut-Sehen und richtige Sichtweise – ein Widerspruch?
Man könnte sagen, dass die richtige Sichtweise die Vorbedingung des „Gut-Sehens“ ist. Indem wir uns darin üben, eine objektive und neutrale Sicht der Dinge zu gewinnen, die frei ist von Vorurteilen und eingefahrenen Meinungen, geben wir uns überhaupt erst die Mittel an die Hand, eine Situation neu zu bewerten. Die positiven Aspekte einer Lage erkennen wir erst, wenn wir ihre tatsächlichen Vor- und Nachteile abwägen und die wirklichen Absichten der beteiligten Personen herausfinden – ohne uns dabei selbst etwas vorzumachen und ohne uns einseitig zu fixieren.
Nehmen wir als Beispiel den Verlust einer Arbeitsstelle: Erst wenn wir uns in ganzer Bandbreite bewusst machen, was eine bestimmte Arbeitsstelle mit sich bringt, können wir begreifen, dass es im Grunde nicht so dramatisch ist, nicht eingestellt oder sogar gekündigt worden zu sein – und dass es in gewisser Hinsicht sogar ein glückliches Ereignis sein kann. Umgekehrt gilt dasselbe: Wer sich darin übt, die positiven Aspekte zu sehen, gewinnt eine klarere, ausgewogenere Vorstellung von der Lage. Wer erkennt, dass in der Notwendigkeit, sich eine neue Arbeit zu suchen, auch etwas Positives liegt, wird angestoßen, über die Vorzüge der früheren Stelle nachzudenken, über die eigenen Fähigkeiten und darüber, wie er sein Leben führen möchte. Ein scheinbarer Verlust kann sich so als Quelle der Bereicherung erweisen – etwa, indem man größeres Mitgefühl für die Frustrationen anderer entwickelt.
Ein Beispiel macht das anschaulich: Herr K. verliert nach zwölf Jahren seine Stelle, weil seine Abteilung aufgelöst wird. Sein erster Impuls ist Empörung – man hat ihm Unrecht getan, alles war gut, und nun ist es zerstört. Bemüht er sich jedoch, auch die guten Seiten zu suchen, verändert sich nicht nur seine Stimmung, sondern auch sein Bild von der Vergangenheit: Ihm fällt auf, dass er die täglich zwei Stunden Fahrtzeit längst als Belastung empfand, dass er sich seit Jahren fachlich nicht mehr weiterentwickelt hatte und dass er das Thema, das ihn wirklich interessiert, immer wieder aufgeschoben hat. Der Blick auf das Positive hat ihm also nichts vorgegaukelt – er hat ihm im Gegenteil eine genauere Sicht auf seine alte Stelle verschafft, als die Empörung sie je zugelassen hätte. Und nebenbei versteht er nun besser, wie es den Kollegen ging, über deren Klagen er früher hinweggehört hat.
Das Gute zu sehen ist demnach beides zugleich: Voraussetzung und Ergänzung der richtigen Sichtweise. Sie sind kein Gegensatzpaar, sondern zwei Bewegungen desselben Vorgangs.
Der Einwand: Und die wirklich schweren Prüfungen?
Bei belanglosen Ereignissen – dem verschluckten Euro am Kaffeeautomaten – erscheint diese Haltung leicht; aber schon dort zeigt die Erfahrung, dass sie es nicht immer ist. Bei Extremsituationen, dem Verlust eines Angehörigen etwa oder der Geburt eines behinderten Kindes, stellt sich die Frage noch einmal ganz anders. „Gut-Sehen“ kann hier als heldenhafte, unerreichbare, ja beinahe krankhafte Einstellung erscheinen, die an Gleichgültigkeit grenzt. Man denke an den stoischen Weisen, der sich über den Tod eines Elternteils damit hinwegtröstet, das sei eben der Lauf der Dinge – eine Haltung, die sich ebenso bei Malherbe[2] findet wie bei Roudaki[3], der fragt, ob je beobachtet worden sei, dass Tränen das Verlorene zurückbringen.
Solche Sichtweisen können zu striktem Fatalismus verführen – aber nur, solange wir uns die Dinge abstrakt vorstellen. Die menschliche Dimension des Leidens bringt es mit sich, dass sich darin stets ein Sinn suchen lässt, eine Gelegenheit, über sich hinauszuwachsen. Jeder, der ähnliche Prüfungen durchlaufen hat, ohne daran zu zerbrechen, kann das bezeugen.
So etwa jener Mann im Buch, der einräumt, dass die Geburt seines autistischen und Kindes mit geistiger Behinderung paradoxerweise etwas Positives in sich barg. Er ist ein brillanter Wissenschaftler, der jedoch bis dahin nur intellektuellen Werten Bedeutung beimaß und auf Menschen ohne Studium herabzusehen pflegte, der nun berichtet: „Da ich mir die Zeit nehmen musste, dieses Kind aufzuziehen und mit seiner Behinderung umzugehen, habe ich verstanden, dass es andere Dinge im Leben gibt als die Kultur und die Intelligenz; ich habe gelernt, menschlicher zu sein. […] Durch dieses Kind habe ich gelernt, zärtlich zu sein, meine Zeit anderen zu widmen, ohne etwas zu erwarten.“ Entscheidend ist, was er im selben Atemzug hinzufügt: „Es war sehr hart, ich wünsche es niemandem.“ Die Geburt dieses Kindes wurde also gerade nicht zum glücklichen Ereignis verklärt – erkannt wurde aber, dass diese Prüfung voller Lehren steckte.
Kein blinder Optimismus
„Gut-Sehen“ heißt also nicht, einem blinden Optimismus zu verfallen nach dem Motto „Alles ist bestens in der besten aller Welten“, und es heißt nicht, von vornherein alles hinzunehmen. In manchen Fällen ist es jedoch die einzig vernünftige und gangbare Haltung: das einzige Mittel, um das Übel nicht durch die eigenen Gedanken noch zu vergrößern und sich nicht innerlich von einem Gefühl der Ungerechtigkeit und der Auflehnung erdrücken zu lassen, von dem im Grunde klar ist, dass es nichts Konstruktives in sich trägt.
Die Perspektive zu wechseln, braucht Zeit. Es geht ausdrücklich nicht darum, sich im Moment des größten Leids einzureden, es sei „zu unserem Besten“ – und noch weniger darum, diesen Satz einem anderen zu sagen, der gerade einen Trauerfall erlitten hat. Pragmatisch bleibt am Ende die Frage: Ist es sinnvoll, das eigene Leiden durch immer neues Nachgrübeln zu verschlimmern, bis man auch noch das Glück seiner Umgebung zerstört – oder sollte man besser versuchen, etwas Positives daraus zu machen? Die Antwort versteht sich von selbst.
Man denke nur an Menschen, die nach einem Unfall damit rechnen müssen, den Rest ihres Lebens behindert zu sein. Der eine hadert ständig mit seinem Schicksal, wird bitter und verschließt sich. Der andere entscheidet sich weiterzugehen und begreift seine Situation als Projekt. Wem von beiden unsere Bewunderung gilt, wissen wir sofort – und genau diese Haltung lässt sich auch in ganz gewöhnlichen Situationen einüben.
Vorausschau auf den nächsten Artikel
Wie stellt man es an „gut zu sehen“, wenn man gerade „schlecht sieht“? Der Pessimist ist sich seines Zustands nicht unbedingt bewusst – und alles, was geschieht, scheint ihn in seinen Annahmen noch zu bestätigen.
Im nächsten Artikel geht es deshalb um das „Gut-Sehen in Aktion“.
Autoren: Das Ethica Rationalis Redaktionsteam
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[1] Shifting Perspectives (Perspektivenwechsel) von Olivier de Brivezac und Emmanuel Comte.
[2] François de Malherbe: Les Poésies. Lavaud, Paris 1999, Société des Textes Français Modernes.
[3] Persischer Dichter aus dem 10. Jahrhundert



