Alltagsethik

Moral. Wie man richtig gut lebt

Moral. Wie man richtig gut lebt von Rainer Erlinger

Moral – ein starker Begriff. Noch vor 20 Jahren wäre ein Buch, das im Titel die Worte ‚Moral‘ oder ‚Ethik‘ trägt, ein Garant dafür gewesen, dass es wie Blei in den Regalen klebt. So erzählt Rainer Erlinger bei einer Lesung aus seinem neuen Buch, die er im März 2011 im Münchner Literaturhaus abhielt – übrigens vor einem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. So wenig attraktiv scheint der Begriff der Moral also doch nicht zu sein!?

Der Name Rainer Erlinger ist Lesern des Magazins der Süddeutschen Zeitung sicherlich ein Begriff: Er beantwortet seit vielen Jahren die ‚Gewissensfrage‘. Das sind Fragen zur Alltagsmoral, die Leser ihm stellen – mittlerweile ‚Abertausende‘, wie er berichtet. Diese Fragen, auch wenn er sie nicht alle beantworten konnte, hätten ihm gezeigt, „welche Situationen häufig auftreten und welche auch häufig zu wirklichen Problemen führen“ (S. 302). Und so hat er ein Buch geschrieben, das „die Begründungen für moralisches Handeln in verschiedenen Situationen aufzeigt und die ethischen Denkstrukturen in typischen Fällen darlegt“ (S. 303) – so könne sich der Leser selbst ein Bild machen und seine persönliche Entscheidung treffen. Und tatsächlich: Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, dass wir es hier mit ganz normalen Problemen zu tun haben, über die jeder von uns wohl täglich stolpert: Es geht um Grundsätzliches wie Egoismus („Die Moral will nicht sagen, du bist ein schlechter Mensch, wenn du an dich denkst, sondern du bist ein schlechter Mensch, wenn du nur an dich denkst.“ S. 30), Lügen und Toleranz, um Begriffe wie Pflicht, Tugend, Recht und Moral und was die dahinterliegenden Ansätze großer Moralphilosophen uns in der heutigen Zeit sagen können.

Moral und Alltagsleben

Im zweiten Teil nimmt der Autor die Brille der Moral und blickt damit in unser Alltagsleben: Welche Bedeutung haben scheinbar geringe Dinge wie Höflichkeiten, Rücksichtnahme, Aufmerksamkeiten? Wie verhalten wir uns in einer konsumorientierten Gesellschaft? Welche Rolle spielen Familie und Freunde? Und inwiefern sind Natur und Umwelt Teil der Moral?

Das dritte Kapitel zieht Schlussfolgerungen und gibt Ausblicke: Es fragt nach den Grundpfeilern einer zeitgemäßen Moral. Er will aufzeigen, dass hinter den Grundsätzen, die für die einzelnen, in den vorherigen Kapiteln ausgeführten Bereichen gelten, allgemeinere Grundsätze stehen und so stellt der Autor drei zentrale Begriffe ins Zentrum seiner Überlegungen:

  • Achtung
  • Verständnis
  • Rücksicht

Das klingt auf den ersten Blick einfach, fast simpel. Die Achtung des Gegenübers wird begründet mit der Tatsache, dass der andere ein Mensch ist wie ich selbst. Allerdings gilt auch, dass man sich Achtung verdienen (durch entsprechende Leistungen und Handlungen, die anderen zugutekommen) oder sie verlieren kann. Achtung ist daher nicht unbedingt mit Wertschätzung gleichzusetzen. Die praktische Anwendung der Achtung klingt wiederum so einfach wie überzeugend: Höflichkeit, Ehrlichkeit, Toleranz und Sorge um Schwächere.

Auf der Achtung baut das Verständnis auf: Man versucht, den anderen in seinen Motiven und Handlungen zu verstehen. Hier bezieht sich Erlinger auf den Grundsatz der Goldenen Regel: Was du nicht wünschst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu. Er führt aus, wie diese Regel aus Kants Kategorischem Imperativ abzuleiten ist und in welchen Stufen sie verallgemeinerbar ist. John Leslie Mackie unterscheide drei Stufen, die ein moralisches Urteil durchläuft (S. 281): In der 1. Stufe wird die Unterscheidung zwischen Ich und Du aufgehoben. Was für den einen erlaubt ist, muss für den anderen auch erlaubt sein. Auf Stufe 2 gilt es, sich in die Lage des Anderen zu versetzen, gemäß Bernhard Shaw, der sagte: „Behandle andere nicht so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest; die Vorlieben könnten andere sein.“  Wenn ich also ein Geschenk für meine Großmutter aussuche, wähle ich dann etwas, worüber ich mich freuen würde (er nennt hier das persönliche Beispiel eines italienischen Sportwagens, der ihm definitiv große Freude bereiten würde) – oder etwas, von dem ich weiß, dass es mit den Vorlieben der Großmutter übereinstimmt!? Auf der 3. Stufe versucht man nun, noch ernsthafter den Rat zu befolgen, sich in die Lage des Anderen zu versetzen und so zu agieren, wie es im Interesse des Anderen ist, also sich mit all dem zu identifizieren, was er ist und darstellt (Wünsche, Geschmack, Wertvorstellungen, Qualitäten, Fähigkeiten usw.). Das ruft Qualitäten in uns auf den Plan, die nicht leicht zu erwerben sind: Sympathie, Empathie, Verständnis… Auch die dritte der beiden Empfehlungen – Rücksicht – wird ebenso anschaulich und konkret ausgeschildert wie das Vorhergehende. Rücksicht trägt der Tatsache Rechnung, dass wir nicht alleine auf diesem Planeten leben und dass Regeln notwendig sind, um mit Begrenzungen und Grenzen umzugehen: „Das Recht meine Faust zu schwingen, endet dort, wo die Nase des Nächsten anfängt“, zitiert Erlinger den amerikanischen Juristen Oliver Wendell Holmes jr. (S. 293).

Wie man richtig gut lebt

Im Epilog geht der Autor auf den Untertitel seines Buchs ein und erklärt (nicht ohne zu erwähnen, dass man ihn für einen hoffnungslosen Optimisten halten möge), dass es seine Überzeugung sei, „dass die Moral so, wie sie in diesem Buch vertreten wird, das Leben aller Beteiligten besser macht“ (S. 301). Gegenseitige Achtung mache unser Zusammenleben angenehmer, der tägliche Umgang sei reibungsloser, Verständnis und Rücksicht minderten potentielle Konflikte. Dabei weist er daraufhin, dass dies natürlich mit einem Aufwand (einer Willensanstrengung, einer Übung) verbunden sei, aber seiner Meinung nach am Ende doch mit einem für alle positiven Ergebnis verknüpft sei.

Das Buch von Rainer Erlinger ist ein wahrer Lesegenuss. Es ist unterhaltsam und humorvoll, es hat Tiefsinn und regt zu weiteren Überlegungen an. Es bietet eine intuitive und leicht zugängliche Auseinandersetzung mit praktischen Fragen der Ethik und der Moral in unserer Zeit. Wer den Autor bei seiner Lesung erlebt hat, konnte spüren, dass sein Bemühen, zum ethischen Handeln anzuleiten, sehr authentisch ist und von ihm selbst auch gelebt wird. Das ist äußerst inspirierend und regt zur Nachahmung an.

 Autoren: Redaktionsteam

 

Verlag: Fischer

ISBN: 978-3-10-017021-7

Bildnachweis: Udo Grimberg, Wikimedia Commons