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Das „Böse“ in mir! (Teil 1) – Was ist der „D-Faktor“?

 

Immer wieder zeigt sich im Alltag, wie sich Menschen unethisch verhalten. Das geht von kleineren Unhöflichkeiten, etwa wenn im Straßenverkehr jemand anderem der Weg abgeschnitten wird, bis hin zu schwerwiegenden Vergehen oder Straftaten. Doch woher kommt dieses „böse“ Verhalten? Und vor allem: Kann man ihm entgegenwirken?

Mit diesem neuen Umfragebeitrag[1] möchten wir Sie erneut dazu einladen. Ihre Meinung mit anderen zu teilen. Zunächst wollen wir jedoch ein paar Impulse setzen.

Der nachfolgende erste Teil unseres Gesamtbeitrags beruht auf einem Interview des Psychologen Ingo Zettler[2], sowie auf dessen Forschungen zum sogenannten „D-Faktor“ – auch „Dunkel-Faktor“ genannt. Das Interview erschien am 19. Februar 2026 im Online-Magazin Der Spiegel unter dem Titel „Das Böse ist Teil jedes Menschen“. Auf Grundlage umfangreicher Datensätze untersucht er, welche Faktoren Menschen zu moralisch verwerflichem Verhalten bewegen.

Impulsbeitrag – „Das Böse ist Teil jedes Menschen“

Ingo Zettler vertritt die These, dass sogenanntes „böses“ Verhalten kein Randphänomen, sondern ein grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal des Menschen sei. Seiner Auffassung nach trägt jeder Mensch diese Neigung in sich – der Unterschied liegt darin, wie stark sie ausgeprägt ist und wie häufig sie zum Ausdruck kommt. In seinen Forschungen beschreibt Zettler diese Tendenz als stabile Persönlichkeitseigenschaft. Ähnlich wie bei Ängstlichkeit oder Gewissenhaftigkeit könne sie sich zwar im Laufe des Lebens verändern, aber grundsätzlich bleibe sie in ihrer grundlegenden Ausrichtung erhalten.

Des Weiteren fasst Zettler „böses Verhalten“ deutlich weiter als „nur“ im Kontext schwerer Gewaltverbrechen. Auch alltägliche Handlungen wie etwa Lügen, Betrug, Untreue oder das bewusste Ausnutzen von misslichen Lagen anderer zum eigenen Vorteil zählen für ihn dazu. Entscheidend ist dabei nicht die Schwere der Tat, sondern ihr Kern: Sie schadet anderen gegen deren Willen und entzieht sich einer ethischen Rechtfertigung. Zugleich räumt Zettler ein, dass moralische Maßstäbe kulturell unterschiedlich geprägt und wandelbar sind. Dennoch plädiert er dafür, nach kulturübergreifenden, universalen Kriterien zu suchen und diese wissenschaftlich zu untersuchen; ein Ansatz, der auch von Ethica Rationalis verfolgt wird.

Darüber hinaus sieht Ingo Zettler zwischen verschiedenen, sogenannten „dunklen“ Persönlichkeitseigenschaften – darunter Egoismus, Narzissmus, Gier, Sadismus, Gehässigkeit und Machiavellismus (Skrupellosigkeit), eine enge Verbindung. Seiner Auffassung nach lassen sich diese Merkmale auf einen gemeinsamen Kern zurückführen, den er als den bereits erwähnten „D-Faktor“ identifiziert. Dieser D-Faktor steht dabei für die grundlegende Tendenz, das eigene Wohl über das anderer zu stellen und dieses Verhalten innerlich vor sich selbst zu rechtfertigen.

Zur Messung des D-Faktors verweist Zettler auf ein von seinem Forschungsteam entwickeltes standardisiertes Messverfahren, das überwiegend auf Selbstauskünften basiert.[3] Aus den Antworten wird ein statistischer Gesamtwert zwischen 1 (niedrig) und 5 (hoch) berechnet, der die individuelle Ausprägung des D-Faktors beschreibt.

Menschen mit höherem D-Faktor verhielten sich seiner Interpretation zufolge häufiger egoistisch, seien eher zu Regelverstößen bereit und hätten eine höhere Wahrscheinlichkeit, im Laufe ihres Lebens straffällig zu werden. Zugleich betont er, dass die Mehrheit keinen hohen D-Faktor aufweist und extreme Ausprägungen selten sind.

Zur Entstehung des D-Faktors verweist Ingo Zettler auf ein Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und Umfeldbedingungen. Faktoren wie unsichere Lebensverhältnisse, soziale Ungleichheit, Gewalterfahrungen oder schwache staatliche Strukturen können demnach die Ausprägung entsprechender Verhaltensweisen begünstigen. Zugleich weist Zettler auf leichte geschlechtsspezifische Unterschiede hin: Männer weisen im Durchschnitt etwas höhere Werte als Frauen auf. Diese Unterschiede fallen jedoch gering aus und lassen sich Zettlers Einschätzung nach eher durch soziale Rollenbilder und Machtverhältnisse erklären als durch grundlegende Unterschiede.

Abschließend zieht Ingo Zettler eine klare Bilanz: „Böses“ Verhalten mag zwar evolutionär kurzfristige Vorteile gehabt haben, langfristig jedoch zahlt es sich weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft aus. Er plädiert daher dafür, gesellschaftliche Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass kooperatives Verhalten belohnt, Macht verantwortungsvoll vergeben und schädigendes Verhalten nicht stillschweigend toleriert wird. Veränderung hält er grundsätzlich für möglich – vorausgesetzt, der Wille zur bewussten Selbstreflexion ist vorhanden.

Bevor wir in den Umfrageteil gehen, schauen wir uns nachfolgend noch die für den Umfrageteil wichtigsten Kernaussagen des Interviews an. Die hier aufgeführten Kernaussagen gehen dabei teils über die obige Zusammenfassung hinaus.

Das „Böse“ im Menschen – zentrale Erkenntnisse des Interviews

1. Das Böse ist eine universelle Charaktereigenschaft aller Menschen

Die Anlage zu „bösem“ Verhalten ist grundsätzlich in jedem Menschen angelegt. Unterschiede bestehen vor allem darin, wie stark diese Neigung ausgeprägt ist und wie häufig sie im Handeln sichtbar wird.

2. Viele Facetten – ein Kern

Eigenschaften wie Egoismus, Narzissmus, Gier, Sadismus, Gehässigkeit und Machiavellismus erscheinen auf den ersten Blick unterschiedlich. Tatsächlich sind Sie aber Ausdruck eines gemeinsamen Kerns – der Essenz des Bösen, der in allen Menschen vorhanden ist.

3. Wenn sich der D-Faktor im Handeln zeigt

Höhere D-Werte spiegeln sich im Verhalten wider: Betroffene handeln häufiger egoistisch, überschreiten eher Regeln, und weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf, sich strafbar zu machen.

4. Die Mehrheit der Menschen ist nicht stark „böse“

Die Mehrheit der Menschen bewegen sich im moderaten Bereich: So liegt der durchschnittliche D-Faktor bei etwa 2,3. Deutlich erhöhte Werte finden sich dabei nur bei rund 11 % der Teilnehmenden, extreme Ausprägungen bei etwa 3 %. Extreme Ausprägungen bleiben damit selten.

5. Mit zunehmendem Alter sinkt der D-Faktor

Hohe D-Werte sind vor allem bei jüngeren Menschen verbreitet: Rund 60 % der unter-25-jährigen weisen überdurchschnittliche Werte auf. Bei den über-60-Jährigen halbiert sich dieser Anteil auf etwa 30 %.

6. Intelligenz, Bildung und Einkommen sind kaum relevant

Der D-Faktor zeigt keine erkennbare Verbindung zur Intelligenz und nur geringe Bezüge zu Bildung oder Einkommen. Auffällig ist jedoch: Menschen mit hohem D-Faktor finden sich seltener in sozialen oder künstlerischen/kreativen Berufen.

7. Veränderung ist möglich

Veränderung gilt als grundsätzlich möglich, setzt jedoch die Bereitschaft zur Selbstreflexion voraus. Gerade darin besteht die Herausforderung: Menschen mit hohem D-Faktor erkennen oft nicht, dass ihr Verhalten anderen schadet.

Das „Böse“ in uns – wie können wir ihm entgegenwirken?

Die Forschungsergebnisse von Ingo Zettler legen nahe, dass böses Verhalten keine Ausnahmeerscheinung, sondern vielmehr eine urmenschliche Eigenschaft ist. Es ist somit – in unterschiedlicher Ausprägung – in jedem von uns angelegt.

Das Böse entsteht offensichtlich durch eine schlechte Verwendung unseres freien Willens. Es zeigt sich dort, wo Menschen Entscheidungen treffen, die ethischen Prinzipien widersprechen, anderen oder sich selbst schaden und damit die eigene Entwicklung zu einem menschlicheren Wesen behindern.

Dabei hat böses Verhalten seine Wurzeln in individuellen Charakterschwächen, die in jedem von uns mehr oder weniger stark vorhanden sind. Zur Veranschaulichung hier einige Beispiele von Charakterschwächen, die, wenn sie nicht bewusst durch unsere Vernunft und unseren freien Willen kontrolliert werden, nur allzu leicht dazu führen können, dass wir uns selbst oder andere verletzen: Hartherzigkeit, Machtstreben, Arroganz, ungezügelte Begierde(n), Wut oder Eifersucht. Auch mangelndes Mitgefühl, Undankbarkeit, Egoismus, Geiz oder im Gegenteil – exzessives Konsumverhalten, Unehrenhaftigkeit oder ein Defizit an Urteilsvermögen können Charakterschwächen sein. Sie können die Aufzählung beliebig erweitern …

Nun sind Sie gefragt: Wie lässt sich das „Böse“ im eigenen Denken und Handeln am besten bekämpfen?

Stimmen Sie ab und vergleichen Sie Ihre Meinung/Einschätzung mit den anderen Leserinnen und Leser!

Welche halten Sie die für Sie wirksamste Herangehensweise? Es ist nur eine Auswahl möglich. Es geht uns darum zu erfahren, welche Sie die für Sie selbst als Wirksamste erachten. Am Ende werden wohl alle Herangehensweisen eine gewisse Wirkung haben.

In einem kurz auf diesen Artikel erscheinenden 2. Teil werden wir die unterschiedlichen Herangehensweisen noch weiter beleuchten …

Was halten Sie für die wirksamste Herangehensweise?
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[1] Weitere Umfrage-Artikel finden sich dabei gebündelt in der Rubrik „Beiträge“, in der eigens eingerichteten Unterkategorie „Umfragen“ auf unserer Webseite. Anders als klassische Artikel lädt dieses Format nicht nur zur passiven Lektüre ein, sondern fordert dazu auf, die eigene Haltung aktiv zu reflektieren und bewusst zu hinterfragen. Gleichzeitig eröffnet der (eigene) Vergleich mit den Einschätzungen anderer die Möglichkeit, die eigene Perspektive zu schärfen, zu differenzieren oder weiterzuentwickeln.

[2] Ingo Zettler ist Professor für Psychologie an der Universität Kopenhagen sowie Direktor des Center for Social Data Science, eines interdisziplinären Forschungszentrums an der Fakultät für Sozialwissenschaften.

[3] Die Datenerhebung erfolgt über einen Onlinefragebogen mit rund 70 Aussagen, die unterschiedliche Einstellungen und Haltungen erfassen. Die Teilnehmenden bewerten diese Aussagen auf einer mehrstufigen Skala von starker Ablehnung bis starker Zustimmung. Ingo Zettler zufolge sind diese Aussagen bewusst so formuliert, dass sie weder plakativ noch extrem wirken. Vielmehr ist es Ziel, feine Unterschiede zwischen Individuen sichtbar zu machen und Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit möglichst gering zu halten. Nach Angaben Zettlers haben bereits mehrere Millionen Menschen an diesem Verfahren teilgenommen.