Wirtschaftsethik

Ethisches Handeln im Beruf – Ergebnisse zur Umfrage „Geste der Versöhnung“ (Teil 2)

Öffentlich angegriffen, ja degradiert zu werden – das hat jeder mehr oder weniger intensiv schon einmal erlebt. Von daher können wir uns alle in die Situation von Konrad versetzen, der in einem Meeting von einer Führungskraft attackiert wird und am Ende darum gebeten wird, „sie nicht zu hassen“. Die Fallstudie „Geste der Versöhnung“ [1] bietet eine Plattform für eine Vielzahl menschlicher Emotionen – einige von ihnen sind durchaus bedrohlich und können uns Angst machen, wie Ohnmacht, Scham, Wut oder das Bedürfnis Rache zu nehmen. Die Hand, die Konrad als Entschuldigung hingestreckt wird, sie ist das Symbol schlechthin für Vergebung, Nachsicht, Aussöhnung. Sie kann aber im aktuellen Fall auch zur Farce werden – wenn durch das vorangegangene Verhalten die Rechte des Gegenübers massiv verletzt wurden. Können wir uns in Konrad hineinversetzen? Können wir nachempfinden, welche starken Emotionen ihn während des Meetings durchflutet haben und was ihn in der Situation der Verabschiedung innerlich bewegt haben muss? Sicherlich wird er mit einem gewissen zeitlichen Abstand in der Lage sein, eine Analyse durchzuführen und diese Emotionen beim Namen zu nennen. Vielleicht stolpert er dabei auch über das Bedürfnis, sich zu rächen, oder zumindest innerlich Groll gegenüber dieser Vorgesetzten zu hegen?

Von der Schwierigkeit Gleiches nicht mit Gleichem zu vergelten

Eine ethische Herangehensweise würde bedingen, dass wir gegen innere und äußere Anzeichen von Hass, Groll oder Rache ankämpfen. Wobei nachvollziehbar ist, dass erst ein innerer Kampf stattfinden muss, bevor wir – sozusagen gereinigt – zu einer moralisch korrekten Tat fähig sind. Die folgende Geschichte des Philosophen und Musikers Ostad Elahi (1895-1974) [2] verdeutlicht diese Art des inneren Sieges über das Ego. Aufgewachsen im kurdischen Teil des Iran, in einer himmlischen Atmosphäre und in der geschützten Welt einer mystischen Bruderschaft, beschloss Ostad Elahi im Alter von etwa 35 Jahren, sein früheres Leben, das von Askese und Rückzug geprägt war, hinter sich zu lassen und einen weltlichen Beruf zu ergreifen. Er wurde Richter, was ihm die Gelegenheit gab, seine Philosophie der spirituellen Vervollkommnung (die er auch Neue Medizin der Seele nennt) inmitten der Gesellschaft und in der Interaktion mit anderen Menschen zu überprüfen. Seine Erfahrungen sind dokumentiert, hier ein Auszug daraus:

„Als ich in Lar stationiert war, gab es einen jungen Mann, der seinen Vater schon als Kind verloren hatte, und seine Tante, der man die Vormundschaft übertragen hatte, verwaltete sein Vermögen. Da sie seinen Zugang zu diesen Konten sehr streng regulierte, reichte er Klage gegen sie ein. Wie es dem Gesetz entspricht, habe ich dem [bereits volljährigen] jungen Mann sein Erbe übertragen. Einige Zeit später ergab es sich, dass ich mir eine Richterrobe machen ließ, die mit ein paar Lacklederschuhen ergänzt werden musste. [3] Ebendieser junge Mann sollte als Vermittler fungieren und ich gab ihm Geld, um mir ein paar Schuhe in Schiraz zu besorgen. Aber auf der Reise ging ihm das Geld aus und er verbrauchte auch jenes, das ich ihm gegeben hatte. Als ich daraufhin Nachforschungen anstellte, erfuhr ich, dass er zwar die Schuhe gekauft hatte, sie dann aber wieder verkauft hatte. Als ich ihn nach seiner Rückkehr zu mir kommen ließ, damit er mir die Schuhe aushändige, wurde er patzig […]. Ich bat ihn einfach nur zu gehen.

Einige Tage später brachte man diesen jungen Mann vor Gericht, weil er einen sehr angesehenen Händler geohrfeigt hatte. Nun hatte dieser junge Mann die Absicht, zur Polizei zu gehen. Seine Verurteilung hätte einen entsprechenden Eintrag in seinem Führungszeugnis zur Folge gehabt und er wäre sicherlich bei der Polizei nicht genommen worden. Der Händler weigerte sich standhaft, seine Klage zurückzuziehen. Ich hatte die Möglichkeit, ihn zu einer Strafe zwischen acht Tagen und zwei Monaten Gefängnis zu verurteilen. Kurz, ich geriet in einen inneren Konflikt: Manchmal will das Herz einfach Rache nehmen, aber ich kämpfte gegen mein Ego, weil mir klar war, dass ich meine Macht nicht missbrauchen durfte, um mich zu rächen. Nach langem Kampf schaffte ich es schließlich, mein Ego zu besiegen. Weil es eine Wirkung hat, wenn jemand sein Ego meistert, wandte mich also an den Händler und sagte: „Bis jetzt waren Sie, obwohl ich Sie dringlich darum gebeten habe, nicht bereit diesem jungen Mann zu vergeben, aber das wird schwerwiegende Folgen für seine Zukunft haben. Ich weiß, dass Sie von ritterlicher Gesinnung sind – könnten Sie ihm mir zuliebe vergeben?“ Der Händler hielt kurz inne und vergab ihm schließlich. Ich ließ den jungen Mann frei, der mir gegenüber sehr beschämt war und sich entschuldigen wollte; ich aber sagte ihm: „Verderben Sie es nicht!“ […] Je höher der Rang, desto größer die Verantwortung.“ [4]

Die Erzählung macht klar: Unser Ego bildet das größte Hindernis, um in vivo zu handeln. Ein ethisches Prinzip in vivo umzusetzen, bedeutet, eine konkrete äußere Handlung vorzunehmen. Dazu müssen wir uns aber vorbereiten und zunächst in vitro die inneren Hindernisse beseitigen, die es uns so schwer machen, das betreffende ethische Verhalten in die Tat umzusetzen. Indem Ostad Elahi in dieser Erzählung den Wunsch nach Rache, der seinem Ego entspringt, kontrolliert (in vitro), beseitigt er genau jenes innere Hindernis und kann von daher in der Folge zum Händler sagen (in vivo): „Könnten Sie ihm mir zuliebe vergeben?“ Hätte er aber diesen letzten Schritt nicht getan, sondern sich damit zufriedengegeben, dass er seinen Rachewunsch innerlich besiegt hatte, wäre er auf dem in-vitro-Niveau verblieben.

Natürlich könnte man auch eine andere Perspektive einnehmen, wonach die Bestrafung des jungen Mannes für seine Tat als vollkommen legitim, ja sogar als ethische Tat gelten würde – unter der Voraussetzung, dass auch hier der Kampf gegen das eigene Rachebedürfnis siegreich ausgegangen wäre. Indem Ostad Elahi jedoch proaktiv auf den Händler zugeht und ihn bittet, dem jungen Mann zu vergeben, ist sein Handeln ganz und gar freiwillig – und übersteigt daher von seinem Wert her den einfachen ethischen Akt um ein Vielfaches. Nur so konnte sein innerlicher Entschluss, nachsichtig zu verfahren, in einen in-vivo-Akt überführt werden.

Ethisches Verhalten fällt nicht vom Himmel – es ist Ostad Elahi zufolge ein Prozess der Erkenntnis, der auf der Grundlage von Beobachtung und Reflexion (in vitro) schließlich in der konkreten Umsetzung mündet (in vivo) und auf diese Weise nach und nach die Substanz unseres Seins verändert. Falls Sie die Umfrage von letztem November beantwortet hatten: Würden Sie anders entscheiden, nachdem Sie diese Ausführungen gelesen haben? Welche Herausforderungen hat Konrad im Nachgang zu seinem Erlebnis mit Frau G zu bewältigen? Wird ein Gefühl des Grolls in ihm zurückbleiben und wartet er auf eine Gelegenheit zur Rache? Oder gelingt es ihm, zu verzeihen? Was brauchen wir, damit wir bereit sind zur Vergebung?

Lesen Sie auch Teil 1! [5]

Autor: Das Redaktionsteam

 

[1] Artikel: „Geste der Versöhnung

[2] Siehe www.ostadelahi.com

[3] Das war zu dieser Zeit Vorschrift für die Richter, da im Iran das Rechtssystem säkularisiert worden war.

[4] Elahi, B. (Hrsg.)  Spuren der Wahrheit, Band 1, Zitat 1626.

[5] Artikel: „Ethisches Handeln im Beruf – Ergebnisse zur Umfrage „Geste der Versöhnung“ (Teil 1)