Alltagsethik

Gespräche über Alltagsethik: Interview mit Florian Odendahl

In jedem Beruf gibt es ethische Fallen. So ist es an der Börse das Zocken, in der Politik der Opportunismus, in der Medizin die Allmachtsphantasie… Wir wollten wissen: Was sind die ethischen Fallen beim Beruf des Schauspielers? Dazu haben wir Florian Odendahl eingeladen, uns zu erzählen, wie er ethische Prinzipien in seinem Alltag umzusetzen versucht. Dr. Angela Poech, Professorin an der Hochschule München und bei Ethica Rationalis zuständig für das Wissenschaftsressort, hat mit Florian Odendahl über Gelegenheiten gesprochen, die Ethik im Alltag zu praktizieren.

Interview:

Angela Poech: Schön, dass wir es heute geschafft haben, uns hier zu treffen, im Internationalen Begegnungszentrum der Wissenschaft in der Amalienstraße 38. Ich danke dir für dein Kommen, Florian, und begrüße dich ganz herzlich im Namen von Ethica Rationalis.

Florian Odendahl: Hallo liebe Angela, hi!

Angela Poech: Wir haben uns während eines Fluges unter Pandemie-Bedingungen kennengelernt und ich würde dich bitten, ob Du kurz schildern kannst, wie du das erlebt hast?

Florian Odendahl: Ja, das war sehr spannend. Die europäischen Flüge waren gerade wieder erlaubt, man durfte reisen. Ich saß im Flieger und es herrschte Maskenpflicht. Schräg hinter mir saßen zwei Damen, die haben sich die ganze Zeit unterhalten und hatten permanent die Maske unter dem Kinn. Im Gegensatz dazu saß zwei Reihen weiter vorne eine Dame, die sogar hinter der Maske gegessen, also gekaut hat. Und ich dachte mir: Naja, vielleicht ein bisschen übertrieben, aber im Vergleich zu den anderen beiden war dieses Verhalten sehr rücksichtsvoll. – Und die Dame warst du! Im Anschluss habe ich es mir nicht nehmen lassen, dich anzusprechen, um zu sagen: Mensch, Respekt vor so viel Rücksichtnahme. Und so kamen wir ins Gespräch.

Angela Poech: Genau, nach den ersten zwei, drei Sätzen waren wir sofort bei der Ethik. Und das ist auch der Grund, warum wir uns heute über das Thema angewandte Ethik unterhalten. Unser Verein ist mit drei Schlagworten verknüpft: rational, universal und angewandt. Rational, weil wir davon ausgehen, dass man über die Ethik in einen Diskurs treten kann. Universal, weil sie für jeden Menschen gültig ist. Angewandt, weil sie ganz praktisch im Alltag stattfindet. Im Nachhinein gesehen können wir mit den beiden Damen sehr dankbar sein, denn sie sind der Anlass, dass wir uns heute über diese Themen überhaupt unterhalten.

Florian Odendahl: Ja, danke an die Damen. Danke! (lacht.)

Florian Odendahl, geboren im Mai 1974, wirkt seit seiner Schauspielausbildung, die er 2002 abgeschlossen hat, an verschiedenen Theatern und steht parallel für viele Film- und Fernsehproduktionen vor der Kamera. Zehn Jahre lang begeisterte er ein Millionenpublikum als Gerichtsmediziner Dr. Maximilian Weissenböck in der ZDF-Serie SOKO München. Seine prägnante Stimme ist vielen Zuhörern auch als Sprecher von Dokumentarfilmen und Hörbüchern bekannt. Florian Odendahl ist zudem Frontmann und Sänger der Münchner Country Band Isar-Mafia. Ab Oktober 2021 steht er in München mit dem Stück Vier Sternstunden auf der Bühne der Komödie im Bayerischen Hof.

Angela Poech: Wir haben auch kurz darüber gesprochen, was die Corona-Pandemie mit uns macht. Wir sind beide vom Typ her so, dass wir versuchen, uns nicht in einem negativen Strudel gefangennehmen zu lassen, sondern zu fragen, inwiefern diese Erfahrung auch positiv sein kann. Daher würde ich gerne wissen, ob sich hinsichtlich deiner Einstellungen oder deines Verhaltens etwas verändert hat?

Florian Odendahl: Ich habe seit dem ersten Lockdown sämtliche Phasen mitgemacht. Der erste Lockdown war natürlich eine komplette Einschränkung in allem, was wir oder auch ich kannten. Ob es Restaurantbesuche waren, Familienbesuche, gemeinsames Musizieren, Theaterspielen. Ich war gerade auf dem Weg zu einem Dreh Mitte März in Köln, da erhielt ich einen Anruf vom Aufnahmeleiter: Wir drehen morgen nicht, vielleicht am Mittwoch oder vielleicht auch erst nächste Woche am Montag. Und aus dieser Woche Verzug wurden dann zwei Monate – und das macht natürlich was mit einem. Was ich gespürt habe, war eine Dankbarkeit, dass ich oder wir alle in der Vergangenheit unendlich viele Freiheiten hatten: Reisen, Freunde, Familie, die Ausübung meines Berufs… Und ich war sehr dankbar, dass ich schon so viel reisen und so viel sehen durfte von der Welt. Denn wir wussten ja nicht, wie lange es noch so geht, wie lange dauert das noch? Wie sehr wird sich die Welt, die Erde, unser Zusammenleben verändern in dieser Zeit? Es hat sich mittlerweile ein bisschen eingespielt und normalisiert. Aber wenn du nicht weißt, was auf dich zukommt, das ist ganz, ganz schwierig. Und so habe ich beschlossen, ich lebe von Tag zu Tag. Ich habe einen Speiseplan gemacht, ich habe gekocht, ich habe gegrillt. Ich bin ein fleißiger Esser, von daher hab ich es mir schön gemacht. Auch habe ich Inventur gemacht, innen wie außen, habe geschrieben, habe Dinge, die ich vor mir hergeschoben habe, einfach weggearbeitet. Insofern war die Zeit optimal genutzt. Auch eine Form der Dankbarkeit hat sich herauskristallisiert, dass ich eine Handvoll guter Seelen um mich herum habe, mit denen ich die Zeit gut überstehen konnte.

Angela Poech: Dankbarkeit finde ich sehr schön im Leben, es ist eine Eigenschaft, die zufrieden macht. Gibt es denn bestimmte Werte in deinem Leben, von denen du sagen kannst, denen bin ich eigentlich ein Leben lang treu geblieben? Oder gibt es wichtige Personen in deinem Leben, die dir Werte wie Toleranz, Rücksichtnahme, Respekt, Achtsamkeit beigebracht haben?

Florian Odendahl: Zu den Werten kann ich sagen, dass ich christlich erzogen bin. Wenn man so will, in einer christlichen Gemeinde, mit Taufe, Kommunion, Firmung usw. Und klar, da sind die christlichen Werte auch in der Erziehung nicht zu kurz gekommen. Und das, was sich am meisten durchgesetzt hat, glaube ich, ist mein Gerechtigkeitssinn und meine Hilfsbereitschaft. Das steht auch in meinen Grundschulzeugnissen (hab ich nachgeprüft): „Der hilfsbereite Schüler“ und im Nachsatz „trug oftmals zur Unterhaltung seiner Mitschüler bei“ (lacht). Inwieweit ich hilfsbereit war in der Grundschule, kann ich nicht mehr sagen. Aber ich glaube, ich bin einer, auf den kann man zugehen und sagen: Hey, hast du da mal einen Tipp? Und dann bin ich da. Das ist eine Tugend, die etwas sehr Prägnantes für mich hat. Und was ich nicht leiden kann, ist Ungerechtigkeit. Das bringt mich oft zur Weißglut, so dass ich auch mal laut werde.

Angela Poech: Da fällt mir ein, dass es dazu noch eine nette Begebenheit zu erzählen gibt. Es ist eine Frage, die uns alle täglich beschäftigt: ‚Wie sag ich’s meinem Kinde?‘ Wie sage ich, dass jemand zu laut ist, seinen Mundschutz nicht aufhat etc. Erzähl doch mal, wie du das gelöst hast.

Florian Odendahl: Du sprichst unsere Begegnung im Flugzeug mit den beiden Damen an. Sie haben sich nicht nur permanent ohne Maske unterhalten, sondern so auch mit der Flugbegleiterin gesprochen. Ich dachte mir, das geht jetzt einfach schon zu lange und da sitzen noch 200 Leute im Flieger, und ich würde auch gerne die Maske unten haben. Natürlich, es ist einfach angenehmer, das wissen wir alle. Aber wenn wir schon die Möglichkeit haben zu reisen, wenn uns das Recht gewährt wird unter bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen, dann sollten wir die doch auch im Sinne der Allgemeinheit einhalten. Das hat mich geärgert. Mein Temperament würde sagen: Spring auf, geh hin, sag es ihnen. Nun ist das in einem Flieger aber eher schwierig, weil es zur Eskalation führen kann. Und dann fiel mir ein: Ich schreib eine Notiz in mein Handy und zeige die dann der Flugbegleiterin. Die Notiz lautete: Die zwei Damen tragen keine Maske, ich und die anderen 199 Passagiere würden auch gerne ohne Maske dasitzen. Dürfen wir sie abnehmen? Sprechen Sie die Damen dezent drauf an, sie mögen doch ihre Maske tragen. Sie hat es tatsächlich sehr diskret durchgesetzt. Von daher denke ich, die Lösung war ganz gut.

Angela Poech: Ich finde das ein hervorragendes Beispiel. Warum ich nochmal darauf zurückgekommen bin: Wir haben gerade über den Gerechtigkeitssinn gesprochen. Und dieses Beispiel zeigt, wie schwierig das konkret umzusetzen ist… man möchte diplomatisch sein und nicht verletzend, man möchte das Ansehen des anderen aufrechterhalten… Kurzum, man muss oft lange nachdenken, bis man zu einer wirklich guten Lösung kommt. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass wir alle keine Helden sein müssen, sondern dass es reicht, wenn wir im Kleinen versuchen ethisch zu handeln. In unserem Vorgespräch kam auch die Rede darauf, wie froh man sein kann, wenn man als junger Mensch einen Mentor hatte. Wir haben sehr viele junge Hörer, darunter viele Studierende. Was kannst du heute, aus dem Jahr 2021 heraus, dem jungen Florian raten, worauf er achten sollte?

Florian Odendahl: Ich glaube, jeder Mensch kommt mit einem gewissen Grundgerüst auf die Welt. Ein Großteil des Charakters ist vielleicht genetisch bedingt oder energetisch bedingt. Und ich glaube, dass uns dieses Grundkonzept von Geburt an umgibt. Einige Leute sind vom Grundsatz eher zurückhaltender und auch ich war von klein auf ein Beobachter – weniger der Aktive – und ich war auch nie in Gruppen zugegen. Ich hab immer die ungeteilte Aufmerksamkeit gesucht, etwa mit einem Freund unterwegs sein und BMX fahren. Mit einem anderen Freund verband mich eine Leidenschaft für Aquarien oder Terrarien. Dann gab‘s die Musiker-Freunde und ich wollte meine Aufmerksamkeit meist nur einer Person zuteil werden lassen – und so hab ich auch die Aufmerksamkeit für mich eingefordert. Und größere Ansammlungen waren mir eigentlich immer suspekt. Wenn man also eher zurückhaltend ist, braucht man jemanden, der einen an der Hand nimmt und Talente erkennt und sagt: Komm, schau doch mal in diese Ecke oder probier‘ doch mal das aus! Meine Eltern waren sehr, sehr aufmerksam, muss ich sagen, denn ich durfte diverse Instrumente lernen und Sport treiben. Es blieb mir eigentlich nichts verwehrt, was in unserem Rahmen war, und dafür bin ich sehr dankbar. Ich denke nur, dass Input von außen eine andere Qualität hat und nicht verkehrt ist – ein Mentor, ganz genau. Es gab Lehrer an meiner Schule, die haben etwas gesehen in mir, die wollten mich an die Hand nehmen. Leider hatte ich damals Autoritäten gegenüber ein eigenartiges Verhältnis und so habe ich die Hand nicht genommen. Es war eher so, dass ich mir sagte, das schaffe ich schon, das mache ich alles alleine. In den letzten Jahren habe ich gelernt, es gibt Dinge, die kann und muss man nicht alleine machen. Da muss man von seinem Stolz einfach runterkommen und sagen, das ist eine partnerschaftliche Geschichte. Gerade das erlebe ich z.B. beim Filmemachen, beim Drehen, beim Theaterspielen oder jetzt auch in unserem Gespräch hier, dass da jemand kommt und sagt: Lass uns das doch einfach mal machen! Man muss nur über seinen Schatten springen – ob der Schatten jetzt das Ego ist oder die eigene Bequemlichkeit – und es einfach tun, einfach machen. Und so geht wieder eine Tür auf. Das muss keine große Tür sein, das ist einfach eine neue Tür. Das finde ich sehr spannend. Den jungen Leuten kann ich sagen: Sucht euch jemanden oder lasst euch finden von Menschen, die Lust haben, etwas mit euch in Angriff zu nehmen – und dann macht einfach.

Angela Poech: Das ist wirklich ein wunderbarer Ratschlag, vor allem ist da dieser Gedanke enthalten: Ich muss selbst aktiv werden oder zumindest Augen und Ohren offenhalten, sonst wird keine Tür sich öffnen.

Florian Odendahl: Und wenn sich die Tür öffnet, muss man sich trauen, durchzugehen und über den eigenen Schatten zu springen. Wenn man sich dieses Leben anschaut, dann haben wir etwa 80 Jahre, wenn es gut geht. 20 Jahre davon bist du in der Schule, orientierst dich, die letzten 20 Jahre ist es vielleicht körperlich schwierig. Also bleiben im Endeffekt dazwischen 40 Jahre, die du selbstbestimmt nutzen kannst und für die du die Verantwortung hast: Soviel Input wie möglich sammeln, Lust haben am Leben und am gemeinschaftlichen Erleben.

Angela Poech: Damit können junge Leute sicherlich sehr viel anfangen: Werde aktiv und suche dir einen Mentor oder eine Mentorin! Ich möchte gerne nochmal auf das Thema eingehen, dem wir uns auch als Verein verschrieben haben. Es gibt auf unserer Webseite eine Serie von Dilemma-Studien, das sind Situationen, bei denen man in einen ethischen Konflikt gerät und diesen lösen muss. Wir haben Erfahrungen gesammelt, von Kollegen, Freunden oder Förderern unseres Vereins, und haben festgestellt, dass es typische Fallen gibt: Arbeitet man im Büro, ist die Versuchung groß, einfach mal was mitgehen zu lassen, was dem Betrieb gehört und was in Privatbesitz übergeht. Oder bei Anwälten hat man auch schon gehört, dass Gebühren für Leistungen abgerechnet werden, die nicht erbracht wurden. Und der ein oder andere hat sich auch schon mal beschwert, weil in der Klinik operiert wurde, was eigentlich medizinisch im Nachhinein gar nicht notwendig gewesen wäre. Das sind Verführungen, die jeder Beruf mit sich bringt. Mich würde besonders interessieren, was ist denn am Schauspiel eine solche Versuchung?

Florian Odendahl: In unserem Beruf ist man natürlich der Öffentlichkeit ausgesetzt, und auch sehr viel Kritik, insbesondere auf Social Media. Da gibt es natürlich Fallen: „Gefallen wollen“ ist eine große Falle, auf Biegen und Brechen anderen gefallen wollen. Aber natürlich ist das eine Gratwanderung. Du musst irgendwie anderen gefallen, sonst bekommst du keine Rollen. Andererseits ist deine Persönlichkeit und dein Charakter sehr wichtig und davon sollte man sich nicht abbringen lassen. Das muss man lernen und ich selbst tappe natürlich auch immer wieder in Fallen. Die Gefahr lauert als Schauspieler auch darin, Allüren zu haben, am Set beispielsweise Arroganz und übermäßige Eitelkeit zu zeigen, etwa im Umgang mit anderen Teammitgliedern, mit jungen, neuen Schauspielern oder mit Komparsen. Und da kann man und muss man dran arbeiten, so wie man auch eine Sprache lernt oder Yoga. Auf einmal kriegt man es nicht hin. Aber jeden Tag ein kleiner guter Schritt. Damit ist jedem geholfen.

Angela Poech: Vielen Dank, Florian! Mit diesem Gespräch haben wir unsere Serie mit dem Slogan „Gespräche über Alltagsethik“ um eine weitere Facette ergänzt, indem wir Situationen aufgezeigt haben, die belegen, dass man die Ethik genau in diesen kleinen Schritten im Alltag praktizieren kann. Ich danke dir ganz herzlich und freue mich auf weitere Gespräche.

Florian Odendahl: Sehr gerne. Lieben Dank, Angela!

_____________________________

Hinweis auf weitere Artikel von Ethica Rationalis zur Vertiefung von Punkten, die in dem Interview angesprochen worden sind:

Zufriedenheit

Neues aus der Glücksforschung, Glück das nicht langweilig wird

Dankbarkeit

Das kleine Glück, wie Dankbarkeit unser Leben verändern kann, Teil 1 und Teil 2

Corona

Menschlichkeit und ethisches Handeln in Zeiten der Corona-Krise

Die Natur: wie sie einfach weiterblüht – Menschlichkeit in Zeiten von Corona

Wie wir mit den Corona Verordnungen umgehen, ist angewandte Ethik