Alltagsethik

Mark Twain: „Persönliche Erinnerungen an Jeanne d’Arc“

Samuel Langhorne Clemens, besser bekannt als Mark Twain, schrieb über 10 Jahre an diesen „Personal Recollections of Joan of Arc“, und er selbst bezeichnete es anschließend als sein wichtigstes Werk. Warum? Im nachfolgenden wird versucht eine Antwort auf diese Frage zu geben.

Sein Werk wurde ursprünglich ab 1895 im Harper’s Magazine im Rahmen einer Reihe und in 1896 erstmals in Buchform veröffentlicht.

Gelungen ist Mark Twain eine sprachgewaltige, einzige große Liebeserklärung an Jeanne d’Arc, die damit von einer sehr persönlichen Auseinandersetzung mit Jeannes Geschichte, gleichzeitig aber auch von einem gründlichen Studium der Quellen zeugt.

Um die Darstellung möglichst objektiv erscheinen zu lassen, hat Mark Twain zwei fiktive Personen zwischen sich und den Leser geschaltet: den Pagen und Sekretär Jeanne d‘ Arcs, Louis de Conte, und den Übersetzer Jean Francois Aiden, der in eigenen Fußnoten zu den ’Erinnerungen’ Contes weitere Informationen hinzufügt. Die biographischen Fakten und der Ablauf der Ereignisse sind dennoch, von Nebensächlichkeiten abgesehen, authentisch; Authentisch deshalb, weil man sich vor Augen führen muss, dass der Lebenslauf von Jeanne d’Arc in einer Beziehung einmalig ist: „Es ist die Geschichte eines Menschenlebens, die unter Eid zu uns kommt, die einzige, die uns unmittelbar aus dem Zeugenstand überliefert wird.“* Die amtlichen Protokolle des Verurteilungsprozesses von 1431 sowie des ein Vierteljahrhundert späteren Rehabilitationsverfahrens sind noch im Nationalarchiv von Frankreich erhalten, und sie vermitteln uns mit erstaunlicher Breite die Umstände ihres Lebens. Kein anderer Lebenslauf jener fernen Zeit ist so sicher und so ausführlich bekannt wie der ihre.

Betrachtet man zunächst nur ihre kriegerischen Leistungen, wird man schnell feststellen, wie unglaublich diese waren, insbesondere wenn man dann noch die Verhältnisse, unter denen sie vollbracht wurden, die im Weg liegenden Hindernisse und die ihr zur Verfügung stehenden Mittel in Betracht zieht. Zum Vergleich: „Cäsars Eroberungen waren groß, aber er hatte die ausgebildeten, selbstsicheren Krieger Roms zur Verfügung und war selber ein geschulter Soldat; Napoleon fegte die disziplinierten Armeen ganz Europas vor sich her, doch auch er war ein geschulter Soldat, und er begann sein Werk mit patriotischen Bataillonen, die inspiriert und durchdrungen waren von dem wunderwirkenden neuen Geist der Freiheit, den ihnen die Revolution eingegeben hatte – eifrige junge Lehrlinge des herrlichen Kriegshandwerks, keine alten, müden, gebrochenen Krieger und verzweifelnden Überlebenden sich seit Jahrzehnten wiederholender Niederlagen; Jeanne d‘ Arc jedoch, den Jahren nach ein bloßes Kind, unwissend, ungebildet, ein armes Landmädchen, von niemandem gekannt und ohne Einfluss, fand eine große Nation in Ketten liegend vor, hilf- und hoffnungslos unter fremder Herrschaft, ihre Schatzkammer leer, ihre Soldaten mutlos und in alle Winde zerstreut, jedes Feuer erloschen, jeder Lebenswille im Herzen des Volkes während langer Jahre der Gewalttaten und Unterdrückung durch Ausländer wie durch eigene Landsleute erstorben, der König widerstandslos seinem Schicksal ergeben und im Begriff, außer Landes zu fliehen; und sie legte ihre Hand auf diese schon tote Nation, und die Nation erhob sich und folgte ihr, Jeanne d’Arc führte sie von Sieg zu Sieg, sie trieb die Flut des Hundertjährigen Krieges zurück, sie versetzte der Macht Englands einen auf ewig lähmenden Stoß.“

Absolut unfassbar wird ihr Wirken aber spätestens dann, wenn wir auch noch ihren einzigartigen, vorbildhaften, von ethischen Tugenden bis zur Vollkommenheit durchdrungenen Charakter mit einbeziehen. „Wenn wir bedenken, dass ihr Jahrhundert seit den finsteren Zeiten das brutalste, verderbteste, verkommenste der Geschichte war, mutet es uns wie ein Wunder an, dass aus solch einem Boden ein solches Erzeugnis hervorgehen konnte. Sie und ihr Jahrhundert, das ist wie der Gegensatz zwischen Tag und Nacht.“

Im Einzelnen lässt sich ihr unvergleichlicher Charakter wohl am treffendsten mit Vergleichen ihres Verhaltens zu dem ihrer Umgebung beschreiben:

„Sie war wahrheitsliebend, als alle eine verlogene Sprache redeten; sie blieb ehrlich, als Ehrlichkeit längst eine verlorene Tugend war; sie hielt all ihre Versprechen, als von niemandem erwartet wurde, ein Versprechen zu halten; sie widmete ihren großen Geist großen Gedanken und großen Zielen, als andere große Geister sich an Marotten oder kleinlichen Ehrgeiz verschwendeten; sie war still, bescheiden und zartfühlend, als sich alle Welt laut und rau benahm; sie war voller Mitgefühl, als erbarmungslose Grausamkeit an der Tagesordnung war; sie hatte Rückgrat, als man diesen Begriff nirgends kannte, und war ehrenhaft in einer Zeit, die vergessen hatte, was Ehre ist; sie war ein Fels der Überzeugung in einer Zeit, als die Menschen an gar nichts glaubten und über alles höhnten; sie war unwandelbar lauter in einer Zeit, die falsch bis ins Mark war; sie bewahrte stets ihre persönliche Würde, als überall Kriecherei und Unterwürfigkeit herrschten; sie legte unerschrocken Mut an den Tag, als Hoffnung und Mut im Herzen ihrer Nation erstorben waren; sie war makellos rein an Leib und Seele, als die Spitzen der Gesellschaft alles andere als sauber waren – das alles in einer Zeit, als es für Herren und Fürsten einfach Usus war, Verbrechen zu begehen, und als die höchsten Würdenträger der Christenheit sogar noch diese ruchlose Ära sprachlos zu machen vermochten durch ihren abscheulichen Lebenswandel, der vor unvorstellbaren Gemeinheiten, Bluttaten und Bestialitäten nur so strotzte.“

Wer die amtlichen Protokolle ihres Verurteilungsprozesses sowie des späteren Rehabilitationsverfahrens gelesen hat, wird nicht umhinkommen, festzustellen, dass in nichts von dem, was sie gesagt oder getan hat, auch nur die geringste Spur von Egoismus zu finden ist. Als sie ihren König von seinem Vagabundenleben erlöst und ihm die Krone aufs Haupt gesetzt hatte, wurden ihr Belohnungen und Ehren angeboten, doch sie lehnte alles ab und wollte nichts annehmen. Für sich selbst erbat sie nur – falls der König es ihr gnädig gestatten wolle –, in ihr Heimatdorf zurückkehren zu dürfen, um wieder ihre Schafe zu hüten, die Arme ihrer Mutter um sich zu fühlen und ihre Hausmagd und Helferin zu sein. Weiter ging die Selbstsucht dieser Anführerin siegreicher Heere, Gefährtin von Fürsten und gefeierten Nationalheldin nicht. Diese knappe Beschreibung ihrer selbst sollte dem verständigen Leser bereits genügen, um zu wissen welcher Herkunft und Natur dieses Wesen Jeanne d’Arc war.

Jeder, der sich mit Ethik beschäftigt, weil er verstanden hat, dass dies der einzige Weg ist, um seine eigentliche Natur wiederzuerkennen und echten inneren Frieden zu finden, kommt an diesem Werk, das so plastisch und konkret ethisches Verhalten auf so vollkommenem Niveau anschaulich und nachvollziehbar darstellt, nicht vorbei.

* Zitate sind kursiv dargestellt und entstammen dem Werk selbst.